Auf Tuchfühlung
Sie haben richtig gehört, ich möchte Sie, mein werter Leser, dazu verführen, mit mir auf Tuchfühlung zu gehen. Seien wir nicht schüchtern und ziehen das verhüllende Tuch herunter. Lassen Sie sich fallen in alle sich regenden Emotionen beim Erleben von nicht einmal Erträumten, was wahrhaftig alles unter dem Tuch zugange geht. Lüften wir das schamhaft verdeckende Tuch. Mit bloß ein wenig Fingerspitzengefühl lässt sich der nackte Leib der Wahrheit aus dem züchtigen Tuche wickeln und entblößt Faszinierendes: Historisches über den Rotzfetzn, Ausführungen über den Schneizhadan, eine umfassende Darstellung des Taschentuchs.
Es erwartet Sie eine große Menge aus dem Tuch enthüllte enthüllende Tatsachen. Etabliert nicht nur im Niesbrauch als Schneuzgebrauch, wandelte sich der Ruf vom Tuch in den verschiedenen Epochen, auch tunkt ein Zipfel des Tuches im Verruchten. Es ist an der Zeit, das Taschentuch auseinanderzufalten und die Fakten auszuwringen.
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Erinnerungen an betuchte Zeiten: Während der gemeine Pöbel sich einst in die Hand schnäuzte, war das Stofftaschentuch ein gesellschaftliches Symbol von hoch getragenen, feinen Näschen, ein Zeichen des mit einem Tuch betuchten Adelstandes. Hebt man eine Ecke des Tuches an, um einen neugierigen Blick auf das Historische zu werfen, so galten des Taschentuches streichelzarte, samtweiche Fasern eng verwoben mit der Frau. Die Dame übergab ihr Taschentuch als Liebespfand, Jungfern im Mittelalter beehrten ihren Favoriten im Rahmen des Turniers mit ihrem Taschentuch als Zeichen der Minne, an seiner langen Lanze festgebunden schmiegten sich die weiblichen Gefühle sanft und anschmiegsam um das Phallussymbol. Zuvorkommende Herren bedeckten Pfützen mit Stofftaschentüchern, damit ihre Damen darüber schreiten und ein dankbares Füßchen darauf setzen konnten. Edle Männer, im Rahmen weiblicher Testprozesse für ihre Tauglichkeit als zukünftigen Gatten durch Prüfungsimmanenz gepeinigt, bückten sich augenblicklich nach dem der Dame unabsichtlich zu Boden gesegelten Taschentuch, wenn es der Zufall so wollte, auch sehr viele Male in unmittelbarerer Folge, und reichten es der Dame zurück als Bezeugung ihrer Hochachtung für das durchtriebene Frauenzimmer. Bis ins sechzehnte Jahrhundert galt das Taschentuch als Luxusartikel, üblicherweise mit Spitzen und Stickereien geschmückt und parfümiert, noble Damen pflegten das zarte Tüchlein züchtig über ihre Knubbelknie zu ziehen, um sich mit der Aura des makellosen Frauenideals zu bedecken, winkten mit viel Augenauswischerei Reisenden hinterher, oder falteten es hübsch in der Sakko-Tasche ihres zähneknirschend lächelnden Liebsten zu einem reizendem Zipfel.
Im Ungewissen bleibt, ab wann genau die Menschheit mit dem Tuch der Tücher beschenkt worden war. Belegt ist, dass bereits von den Römern das Taschentuch benutzt wurde, immer zwei wurden mit sich geführt, eines um das linke Handgelenk geschlungen, ein anderes um den Hals oder an der Hüfte befestigt. Im Orient war es anfangs nur ein Vorrecht der Fürsten und höheren Würdenträger gewesen, Taschentücher im Gürtel zu tragen. Im Kaiserreich China gab es angeblich bereits im 2. Jahrhundert Taschentücher aus Papier, sicher belegt für das Aufkommen der Papiertaschentücher gilt in jedem Falle das Jahr 1894, als die Papierfabrik G. Krumm aus Göppingen sich das Patent 81094 für ein glycerinhaltiges Papiertaschentuch sicherte. Doch noch einige Zeit lang verwoben sich weibliche Hingabe und Fürsorge weiterhin als Herzfasern zu einem Stückchen bestickten Stoff, kunstvolle Girlanden oder Blütenblättern rankten sich auf Damast oder Baumwolle, die zarte Naht mit feinem Garn umhäkelt. Vor Konfirmationen, Hochzeiten oder Taufen saßen zuweilen zwei oder drei Generationen von Frauen an der Produktion dieser feinen Stoffe, die letzten Stiche dieses persönlichen Geschenkes gestalteten Monogramme oder Initialen eines vielgeliebten Rotznäschens. Als das Papiertaschentuch das Stofftaschentuch mehr und mehr verdrängte, ging diese zauberhafte Tradition verloren. Und auch den schönen Brauch, Stofftaschentücher in besinnlichen Abendstunden mit Herzenswärme zu bügeln, konnte man sich ab nun ins Tuch schmieren. Als Resultat durften überglückliche Hausfrauen mit ekstatischen Jubelschreien die entsetzlich abartigen Dinger endlich einmotten.
Bis zum heutigen Tag jedoch besteht durch so manches großelterliche Stofftaschentuch eine feinstoffliche Verbindung und spitzengewebte Zuwendung zu den Enkerln.
Papierenes Gold: Das Schneuzfreundlichste bei der Entwicklung des Papiertaschentuches war die Idee des weichen Zellstoffes. Fasern von Bäumen werden dabei bis zum heutigen Tage in der gleichen Weise behandelt, in einer Chemikalienlösung gekocht, der Zellstoffbrei gepresst, getrocknet und zu langen Papierbahnen gerollt, daraufhin zerschnitten, gefaltet und verpackt. Durch das Bleichen wird dem Tüchlein der Holzstoff Lignin entzogen, womit es seine blütenweiße Farbe erhält und seine Versinnbildlichung für Sauberkeit und Reinheit. Bald darauf konnte das Papiertaschentuch auch seinen ätherischen Segen aus Menthol und Hautbalsam entfalten, und zwar in seiner praktischen so genannten Z-Faltung. Ab nun verzweifelte man vor der Waschmaschine nicht mehr nur wegen den obligatorisch verschwundenen Socken, sondern auch bei der anstrengenden Arbeit, die Abermillionen Fusseln eines mitgewaschenen Taschentuchs von der Wäsche zu zupfen.
Die erste deutsche Papiertaschentuchmarke war Tempo, wobei der Markenname im deutschsprachigen Raum zum Begriffsmonopol wurde, es kam zu der Verselbständigung, das Taschentuch schlechthin als ein Tempo zu bezeichnen. Am 29. Jänner 1929 meldete die Vereinigten Papierwerke AG die Marke Tempo beim Reichspatentamt in Berlin an und schon wenige Jahre später wuchs die Nachfrage derart, dass neue Produktionsstätten eröffnet werden mussten. Ab 1980 waren die Folienpackungen wieder verschließbar, welche in den Anfangsjahren übrigens noch rot und grün bedruckt wurden und ab 1950 erst in dem vertrauten Dunkelblau. Die gegenwärtige Produktpalette umfasst Tempo Classic, Tempo Plus, Tempo Menthol, Tempo Aromathera Duft, Tempo Kompakt, Tempo Kids und die Tempo Sonderedition. Geworben wurde im Jahr 1929 auf dem ersten Packungsaufdruck mit: Seidenweich! Saugfähig! Hygienisch! Kein Waschen mehr! Ab 1950 wurde der Werbespruch erstmals gereimt: Auf Schnupfen-Nächten liegt ein Fluch! Da hilft das TEMPO-Taschentuch! Dies konnte nur noch übertroffen werden mit: Die Liebe kann in Schnupfenfällen / am feuchten Taschentuch zerschellen, / er sollte drum zum Naseputzen / ein Tempo-Taschentuch benutzen! Und letztendlich mündete die Kreativität im ultimativen Finale: Bazillen fahren Straßenbahn, / ich schaff mir Tempo-Taschentücher an!
Weitere bekannte Taschentuchmarken sind Zewa Softis, Clever Taschentücher, Feh - wobei der Werbespruch „Oh, it’s a Feh!“ durch Kinowerbungen bekannt wurde, in denen eine hübsche junge Frau mit einer zarten, liebevollen Geste und einem sanft liebkosenden Taschentuch einem besonders hart gesottenen, feschen Kerl eine heimliche Träne abtupft – Quality Line, Feeling, Soft + Sicher und Kleenex, welche wiederum in Amerika zum Synonym für das Papiertaschentuch an sich wurde. Das sprichwörtliche Häufchen Elend, das mit einem zerknüllten Papiertaschentuch in der zitternden Faust Rotz und Wasser heult und einen nicht enden wollenden Strom Tränen und zähe, grünlichtransparente Fäden ausschluchzt, konnte dies ab den späten Neunzigern mit Stil tun, nämlich mittels einer noblen Zupfbox, erstmalig von Tempo 1998 auf den Markt gebracht, aus der das Taschentuch mit zwei Fingern in gezierter Manier herausgezupft werden kann.
Das Taschentuch ist im Allgemeinen von auffallend sanfter Wesensart und ungemein weichem Charakter, es ist dem Tüchlein gleich, ob es mit den zierlichen Wölbungen einer kleinen Stupsnase eine Verbindung eingeht oder mit dem unförmigen Höcker eines gewaltigen Gesichtserkers, das Taschentuch kümmert sich nicht um Äußerlichkeiten, es liebkost reinen Herzens und verschenkt sich mit immerzu wohlwollender Anschmiegsamkeit. Auch kullernde Tränen saugt es tröstend und mit langjähriger Routine in seine Fasern. Die Seele des Taschentuchs ist weiß, weinfest, weise, weichherzig, fraglos weiblich. Bemerkenswert ist die Interaktion auch von Seiten des Schnäuzers aus, der eine prustet animalisch hinein und knüllt das Tuch nach dessen Benützung unverwandt zu einem Knäuel, ein anderer faltet in korrekter Manier und respektvoll das Tuch viele Male in mehrere Richtungen während eines langen, intensiven Schnäuzvorgangs.
Das Tuch im Angesicht: Lieber Leser, profitieren Sie vorweg von ein paar Worten über die richtige Technik: Umhüllen Sie die rotleuchtende Nase in Ihrer grippig verquollenen Visage mit dem samtweichen Taschentuch, drücken dabei ein Nasenloch zu, um den Schleim durch den Druckvorgang nicht fahrlässigerweise in die Nebenhöhle zu katapultieren, und schnauben Sie bis zur vollständigen Entleerung und Befriedigung, wechseln Sie zum anderen Nasenloch und wiederholen Sie den Vorgang. Das Nasensekret sollte nahezu farblos sein, nicht weiß oder grün, Einzelfälle besonders verantwortungsvoller Erziehungsberechtigter und kontrollsüchtiger Partnerinnen entreißen zuweilen dem Verschnupften das Tüchlein und inspizieren sorgfältig die sich schleimig ziehenden Fäden, um genauestens den allgemeinen Gesundheitszustand zu eruieren. Ich sage nicht, dass Sie dies als Zeichen mitmenschlicher Zuwendung ebenso praktizieren sollen. Ich sage nicht, dass ich mich der Illusion von Hoffnung hingebe, dass diese lobenswerte Gewissenhaftigkeit grundsätzlich jedem eigen ist. Tun Sie es. Das saugfähige Taschentuch und die laufende Nase vermögen uns als Bild die Idealvorstellung einer reifen, vollkommenen Beziehung im Sinne des Gebens und Nehmens zu vermitteln. Wenn es in der Nase aufreizend kribbelt, in den letztmöglichen Minuten ein „Had…du…n…Tadentuch?“ artikuliert werden kann, so gelangt zusammen, was zusammen gehört. Nebenbei möchte ich anmerken, dass in physiologischer Hinsicht laut einer wissenschaftlichen Studie der Aufbau und Vorgang des Niesakts dem Aufbau und Vorgang eines Orgasmus gleicht. Jeder Leser, der hierbei keinen absolut gleichwertigen Zusammenhang herstellen kann, der wisse, sein Sexualleben ist nicht befriedigend. Ich will es mit nichts bestreiten, ich spreche über Körperflüssigkeiten, doch rümpfen Sie nicht pikiert die Nase, werter Leser, und blähen Sie nicht empört die Nasenflügel, lernen Sie dazu. Durch die Nasenschleimhaut wird eingeatmete Luft mit ihren Schleimdrüsen befeuchtet und durch das in zarten Gefäßen geleitete Blut gewärmt. Es bestehen Verbindungskanäle von der Nasenhöhle zum Tränennasengang, zu den Nasennebenhöhlen, dies sind mit Schleimhaut ausgekleidete Kammern in den Gesichtsknochen, und zum Mittelohr. Bei einem Schnupfen rötet sich die Nasenschleimhaut und schwillt an, die Schleimdrüsen erzeugen vermehrt Nasensekret. Es empfiehlt sich, viel zu trinken, um das Nasensekret dünnflüssig zu halten und ein Verschließen der Nasenlöcher durch gestockte Schleimpfropfen zu vermeiden. Bekannterweise dauert ein Schnupfen unbehandelt eine Woche und medikamentös behandelt sieben Tage, doch wie auch immer man sich entscheidet, das Taschentuch ist der zuverlässige Wegbegleiter bis zur Genesung.
Geräuschvolles Niesen, womöglich mit Material, ist zu Recht unschicklich, das Taschentuch erstickt Unreinheit durch den Keim im Keim, es steht dem Menschen durch seine wesentliche Existenz im Dienste der Reinlichkeit bei, wo der nicht umsonst aus dem antiseptischen Paradies vertriebene Bakterienherd der Hilfe bedarf. „Entschuldigung“ ist die adäquate Entgegnung des Niesers, „Gesundheit“ von jenem, der betroffen von Tropfen getroffen. Auch beim allergischen Schnupfen, der unnatürlichen Reaktion des Menschen auf harmlose Reizstoffe, sind die Fasern des Taschentuches nachsichtig aufnahmebereit für das flüssige Versagen der menschlichen Nase. Die großherzige Selbstlosigkeit des Taschentuchs ist daran erkennbar, dass es ohne Neid und Eifersucht alles dafür tut, seiner Nase eine andere Partnerschaft zu vermitteln: erst durch die freie Nase können Pheromone aufgenommen werden, was dem schnüffelnd durch das Leben suchenden Menschen den geeigneten Partner finden lässt.
Über die befleckte Reinheit: Die Beziehung zwischen den menschlichen Körperflüssigkeiten, der sprudelnden Quelle, und dem Taschentuch ist umfassend und vielschichtig. Auch für herauf gehusteten Schleim ist das Taschentuch nachsichtig empfänglich und umhüllt diskret die zähflüssigen Schleimschlieren. Obligatorisches Utensil bei traurigen Spielfilmen ist nebst der Chips-Packung auf der Couch natürlich ebenfalls das Taschentuch. Besonders bei ‚Titanic’ überschwemmen Fluten von Mascaraströme das kleine Tüchlein, das bei der Rettung des Seelenheils eines Menschen immerzu sein Bestes gibt, sich opfert und ertrinkt. Auch steht es stets zu Diensten bei sportlichen Betätigungen und saugt den Schweiß von Stirnen, Nacken und Achselhöhlen, die Zurückgabe eines Taschentuchs im Falle eines hilfsbereiten Spenders ist grundsätzlich nicht notwendig. Dank seiner zwirbelbaren Beschaffenheit lässt sich das Taschentuch bei Nasenbluten in ein Nasenloch stopfen, stoppt auch die Blutungen anderer kleiner Wunden, klebt sich fest als begieriger Blutsauger auf den Rasierwunden männlicher Wangen und weiblicher Beine. Das Taschentuch ist auch beliebter Notbehelf bei fehlendem Klopapier, mittlerweile sogar beliebter als eine Doppelseite der Kronenzeitung, da sich am Hintern festsaugende Politiker sehr nervend sind. Eine nächste Körperflüssigkeit, welche das Taschentuch ebenfalls bereitwillig empfängt, und jetzt komme ich endlich zum Langerwarteten, ist eben jene. So manch ein verklebtes Taschentuch war unmoralischer Beistand bei der Lustbefriedigung, man findet solch geschändete Tüchlein in jedem Darkroom, in jeder Peepshows, in jedem Bordell und als japanische Origami-Papierblüten auf speziellen Wiesen im Prater. Durch meinen Exfreund Max Müller (Name geändert, Anm. der Redakteurin) gelangte ich zu Erkenntnissen über den Orgasmus ohne Ejakulation. Wenn Max Müller im Nebenzimmer vor dem Computer mit Internetbekanntschaften onanierte und die Ejakulation durch Anspannung von Muskeln verhinderte, was zumindest seinen stählern trainierten Knackpo erklärte, waren die lautlos seufzenden, lüstern spannenden Taschentücher aufgrund des unbefleckten Orgasmus’ unnötig und wurden herzlos ignoriert. Max, falls du soeben zu meinen Lesern zählst, ich bin dir zu äußerst tiefem Dank verpflichtet, dass ich durch dich diese Information erlangen konnte und in diesem Artikel nun mit der gesamten Leserschaft teilen kann.
Das Taschentuch und die Körperflüssigkeiten des Menschen stehen in denkbar enger und vertrauter Beziehung. Angesichts dieser lebenslangen Partnerschaft und dem intimen Austausch von Körpersäften gegen Duft und Hautbalsam ist wohl kaum ein Leser nicht vor Gerührtheit und Dankbarkeit ergriffen. Welch Harmonie steckt doch in diesem sensiblen Geben und Nehmen. Menschliche DNA vergießt sich in diesem Gewebe, sie rinnt, tropft, kleckst oder schwemmt in das Taschentuch und macht es zum persönlichen Abbild vom ureigenen Selbst, sodass keine Grenze mehr herrscht zwischen dem Menschen und seinem Taschentuch. Werfen Sie ein gebrauchtes Taschentuch nicht allzu schnell weg, halten Sie ein, betrachten Sie es längere Zeit, liebkosen Sie es, kommunizieren Sie vertrauensvoll mit ihm, versuchen Sie zu eruieren, wo ihr „Ich“ endet und des verklebten Taschentuchs „Du“ beginnt und erleben Sie Ihr klägliches Scheiten dabei. Es irritiert mich fast ein wenig, dass Sie, werter Leser, meine Ausführungen bisher an keiner Stelle mit einer affektgeladenen Erwiderung unterbrochen haben. Derart wohlwollende Zustimmung hätte ich mir gar nicht zu Träumen gewagt. Doch gehen wir nun daran, das Tuch wieder züchtig zurechtzurücken und wenden wir das Tüchlein um zu jener Seite jenseits der Körpersäfte.
Weitere Entblößungen aus dem Tuch: So. Eben noch wusste ich, womit ich fortfahren wollte. Sicher kennen Sie dieses Gefühl, etwas Dringendes nicht vergessen zu wollen und schon passiert es. Richtig, eine Abhilfe dagegen schafft der legendäre Knoten im Taschentuch, einst erfunden von Madame Rochard, einer hochwohlgeborenen Dame in Paris, die ihrem Sohn René, einem Taugenichts in der Gedächtnisleistung und bei dem keine Denkzettel fruchteten, durch einen mahnenden Knoten in seinem Taschentuch fortwährend an die Einhaltung gesellschaftlicher Benimmregeln erinnerte. Das Verknoten eines Taschentuchs an einem Zaun oder Geäst wiederum dient seit jeher als Zeichen, dass eine neugierige Nase in jene Gefilde hereingeschnuppert hatte und ihre Präsenz nachhaltig bezeugen wollte. Ein geknotetes Taschentuch an einem hochgehaltenen Stecken hat etwas besonders Anziehendes und ganze Heerscharen von Menschen trippeln ihm zügig hinterher, Kamera in der einen Hand, Stadtplan in der anderen. Nichts Verbindendes, sondern verbindlich Trennendes erreicht das Taschentuch in seiner Funktion bei der jüdischen Hochzeit, wenn Paare nur ohne direkte Berührung miteinander tanzen dürfen und beide Tanzpartner jeweils ein Zipfelende des Taschentuchs ergreifen. Die offensichtliche Symbolik für das Unschuldige, welche das Taschentuch in seiner Funktion für die Erhaltung sittsamer Reinlichkeit in sich birgt, verwandelt sich in den Händen eines Zauberers in einer magischen Show rasch in eine schmutzige Taube oder eine Rose, rot wie die Sünde. Rote Spuren eines Lippenstifts bezeugen ein Taschentuch weiblichen Geschlechts, professionelle Damen falten hierbei das Taschentuch und beißen vorsichtig mit den Lippen darauf, dieser Trick entstammt der perfektionierten Schmollmund-Schminkpraxis. Ebenso unersetzlich als Schminkutensil ist das Taschentuch beim Abtupfen von Wimperntusche und Lidschatten, wobei vor dem Stochern im Augenwinkel schützend ein Taschentuch über den Zeigefinger gezogen und gestülpt wird. Zurück zur Natur verhilft ein mit Abschminklotion getränktes Taschentuch, auch an den bloßen Füßen wird damit gerubbelt, ein stechend stinkendes Unterfangen durch die Dünste des Nagellackentferners.
Sofern wie bereits behandelt die Zeugung nicht im Taschentuch verlief, sondern eines Tages die Schulbank drückt, begleitet das Taschentuch einen kleinen Naseweis durch die ereignisreiche Kindheit und turbulente Jugend, bis er letztendlich als ausgelaugter Erwachsener die Nase voll hat. Zunächst erhält das Taschentuch eine lebensrettende Funktion als beschrifteter Schummelzettel oder als Hilfsutensil bei klecksenden Füllfedern oder zum Einwickeln des während einer Mathematikschularbeit ausgefallenen Milchzahns. Im Kinderzimmer wird den beiden Mäusen im Käfig, von denen nicht bekannt ist, dass es sich um zwei Weibchen handelt und die deswegen nur flirten und ein wenig knutschen, mit Taschentüchern ein kuscheliges Nest für die erwarteten Mäuschen bereitet. Nach der ins weiche Tuch gebetteten Kindheit vergisst ein Heranwachsender seinen alten Freund aus Kindestagen nicht und verlangt in der Apotheke nach einer Packung Taschentücher, blinzelnden Auges, und huscht mit den Kondomen verschämt wieder hinaus. Gerade in diesem Alter hilft das kameradschaftliche Taschentuch auch gewaltig bei der zwischenmenschlichen Interaktion und die Frage „Hallo du, hast du vielleicht ein Taschentuch?“ gestaltet sich nicht selten zum ersehnten Kinobesuch mit der Angeredeten. Bei einem romantischen Waldspaziergang mit jenem Fräulein kann das Taschentuch dann gezückt werden zum Sammeln von Nüssen und Beeren.
Jahre später wird das Taschentuch zumeist nur noch für reife, erwachsene Handlungen verwendet, etwa zum Polieren von Uhren, Brillen und Schuhen vor einer ungeplanten Besprechung im Büro, oder um ausgeschüttete Cola heimlich wieder aus der Tastatur zu tunken. Einem Bewusstlosen ein Taschentuch über Mund und Nase zu legen, um zu beobachten, ob es durch getätigte Atmzüge lustig in die Höhe flattert, gilt als unterlassene Hilfeleistung. Das Taschentuch bei einem Einbruch dem Hausherrn in den Mund zu stopfen und einen Knebel darüber zu binden, hat sich in der Praxis dagegen bestens bewährt.
Auch an Flecken der Kleidung wird gerne mit dem Taschentuch gerubbelt, wobei man sich der Sinnlosigkeit dessen bewusst ist und dennoch damit fortfährt. Bloß Frauen haben hierbei den Trick raus. Sie tunken ihr Taschentuch in ein Mineralwasserglas und schimpfen einen Kollegen über die Kleckerei an seiner Krawatte aus, an der sie herum tupfen, obwohl keine Kleckerei anwesend ist, wohl aber weitere Arbeitskollegen in unmittelbarer Nähe, vor denen man den Kerl beschämen kann. Denn es ist geblieben, wie es seit jeher war, seinen wahren Segen lässt sich das samtweiche Tuch bloß durch die Anwendung angeborener Zartheit zierlicher Frauenhände aus den Fasern zwirbeln. Nicht umsonst zählen Tuch und Träne zu den gefährlichsten Waffen der Frau. Ob einst in ein Damastfleckchen gestickt oder nun im Papiertaschentuch maschinell eingestanzt, das Tuch der Erkenntnis offenbart einen fiesen, feinstofflichen Paktvertrag wirkungsbewusster Weiblichkeit.
Rache ist weiblich
Gwen, Klaus und ich schoben uns durch die Menge des Salsa-Clubs und entdeckten durch nebelhafte Parfumwolken eine freie Lichtung an einer Ecke der Bartheke, zu der wir uns durchdrängelten. Glitzertopträgerinnen schlichen mit federnden Schritten und funkelnden Augen durch die Gegend, um ihr Revier abzustecken, Armanihemdenkörper schwelgten in ihrer Brunft, die vom ersten Jänner bis zum einunddreißigsten Dezember währt, und zeigten das artenspezifische Verhalten geschlechtsreifer Wiener zur Paarungszeit. Aus wissenschaftlichen Überlegungen waren wir zu dieser Feldforschung aufgebrochen und saugten bald an den Strohhalmen unserer Piña Coladas wie an einer Nabelschnur, gierig nach der Stärkung für das Nachtleben.
Gwen lehnte sich mit ihren bloßen bronzenen Armen an die Bar und ließ ihren Blick durch das Getümmel schweifen. „Weswegen bekommt man in Schwulen-Clubs immer makellos durchtrainierte Körper zu sehen, während sich in solchen Schuppen bloß vergleichen lässt, welcher Mann seine kleinen Speckröllchen am Geschicktesten verbergen kann?“ Klaus hatte die Antwort prompt parat. „Für Schwule gibt es die Möglichkeit, in Sportcentern Sex zu haben. Wenn Heteros das auch könnten, würden sie ebenfalls regelmäßig hinpilgern.“ „Ich begutachte gerade die neuesten Modetrends“, meinte ich mit einem Blick ins Publikum und hätte am liebsten für Notizen Papier und Bleistift gezückt. „Das enge Top mit Schlaghose kombiniert man jetzt mit einem dezent gekleideten Büroangestellten, zum schimmernden Paillettenkleid ist jetzt der bubenhafte Latino-Junge mit aufgeknöpftem Hemd angesagt und der dezent solariumgebräunte Schwarzäugige mit kastanienbrauner Nackenwelle im Hugo-Boss Outfit ist jetzt offensichtlich das neue kleine Schwarze. Hier sind wir näher dran am Trend als in der neuesten Ausgabe von In-Style.“
Ich renkte das Lächeln aus meiner Mimik, das bloß aufgesetzt war, entschuldigte mich bei den beiden für einen Augenblick und stöckelte die Stiege hinunter zum Damenklo. Ich hatte diesen entspannenden Abend mit meinen zwei besten Freunden geplant, um mir durch südamerikanische Rhythmen eine ganze Menge aufgestauten Ärger aus den Gliedern zu schütteln. Aber mein Nervenkostüm war reif für den Humana-Container, in mir brodelte ein wahrer Hexenkessel, ein schwefelhaltiger Sud von wallend roter Wut, pechschwarzen Zorn, durchzogen von giftgrünen Grant-Schlieren. Urheber und Verursacher meiner Gewitterwolkenstimmung war, und dies entbehrt jegliche Überraschung, ein Mann. Nämlich mein gegenwärtiger, aktueller für-immer-währender-Liebster. Ich merkte, dass ich den Zorn in mir gar nicht wirklich loswerden wollte, mir stand der Sinn nach zügelloser Rache, doch die Synapsen meines sanftmütigen Gehirns waren wohl pastellfarben und so gar nicht auf Mordlust programmiert. So floss die Wut zu einem zähen Klumpen in meinem Magen, um die aufgestaute Energie für irgendeinen Verwendungszweck zu komprimieren, über den ich mir noch nicht im Klaren war.
Als ich die Türe zur Damentoilette öffnen wollte, traf ich auf einen weichen Widerstand, der jedoch bereitwillig nachgab und einige Frauen rückten zur Seite, die plaudernd am Türstock gelehnt hatten, um mich herein zu lassen. „Hast du vielleicht einen Eyeliner?“ wurde ich sofort freundlich begrüßt und ich hatte meinen Eintritt in die Damenklo-Society geschafft. Der Vorraum war gestopft voll, Frauen in glitzernden Outfits drängten sich vor den Spiegeln, um Lippenstift und Rouge aufzutragen, einige bürsteten ihre Haare kopfüber, um mit einem anschließenden Zurückwerfen der Locken neues Volumen hinein zu plustern und eine Sechzehnjährige mit engem Top und beneidenswerten Bauchmuskeln steckte einer Mittdreißigerin hilfsbereit einen Tampon zu. „Aber sicher doch“, meinte ich und kramte aus meiner Gürteltasche den Eyeliner hervor und gab ihn ihr. Zwei Minuten später hatte ich drei neue Freundinnen gefunden. Nach einer guten Stunde nützte ich eine Lücke im brisant intellektuellen Smalltalk über Gott und die Welt, um in eine Kabine zu schlendern, wofür ich gekommen war. Als ich mich umdrehte, hatte ich meine neuen Nachtschwärmer-Kolleginnen im Schlepptau und die letzte schloss hinter uns die Kabinentüre, während wir uns in den kleinen Raum zwängten und uns Schulter an Schulter kuschelten.
„Lässt du mich vor? Ich bin seit zwei Stunden hier und war aus dem Tratschen einfach nicht herausgekommen, “ sie setze sich auf die Muschel und begann zu pinkeln. Und ich schwor mir, diese kleine Privatparty hier hernach niemanden selbst unter Folter zu erzählen.
„Es ist schön, dir begegnet zu sein. Ich habe dich hier noch nie gesehen“, meinte die Besitzerin der zierlichen Schulter in meinem rechten Rippenbogen. Sie hieß Andrea, hatte vor zwei Monaten eine attraktive Stelle in einem Architekturbüro angeboten bekommen, half ihrer Nichte unter der Woche gerade bei den Vorbereitungen für ihre Latein-Nachprüfung, ihre frischen Kräuter in der Küche waren kürzlich allesamt eingegangen, da sie zu nahe am Herd gestanden hatten, außerdem hatte sie die charismatische Angewohnheit, an freien Abenden ihre Hände mit reichhaltigen Lotionen einzucremen, eine Folie darüber zu streifen und sich dabei gemütlich Gewinnspiele auf ATV anzusehen. „Bist du in Begleitung hier?“ fragte sie mich „Mit meinen zwei besten Freunden.“ „Kein fester Partner in deinem Leben?“ „Oh doch, schon.“ Auf meiner Stirn furchte sich eine steile Falte, ohne dass ich es verhindern konnte. Die Gesprächspause wurde von der Geräuschkulisse der rauschenden Spülung untermalt. „Nächste!“ Andrea musterte mich mitfühlend. „Du wirkst so geknickt. Ihr seid doch nicht gerade etwa dabei, zu zerkriseln? Wie geht es euch denn in der Beziehung?“ Mein erster Impuls war, den Kopf wie bei einem entkräfteten Blumenstängel sinken zu lassen, zusammenzusacken, meinen Kopf an ihre Schulter zu stützen und zu murmeln ‚nicht so gut, gar nicht gut, alles mies’, stattdessen schöpfte ich aus dem inzwischen gewachsenen Vertrauen zu meiner kleinen Notdurftgemeinschaft.
„Ich denke, ich kann mich euch anvertrauen, mir ist letztens etwas wirklich Übles passiert. Vor kurzem hatte ich einen Impuls, der zwar ethisch betrachtet nicht ganz nobel war, aber es ist mir nicht weiter schwer gefallen, mein Gewissen hernach zu desinfizieren und verbinden. Ich hatte vor kurzem frühmorgens in der Arbeitasche meines Freundes gestöbert, während er unter der Dusche war“ „Oh nein, Pfoti weg und pfui. Hast du nach etwas Bestimmten gesucht?“ „Er hatte beiläufig über ein kleines Geburtstagsgeschenk für seine Bürokollegin erzählt, das er für diesen Tag besorgt hatte und ich wollte bloß nachsehen, was es ist. Ich war einfach neugierig, die Situation hatte ein so starkes Habenwollen und Müssenmuss an sich, ich konnte nicht anders. Es packte mich und schüttelte mich, bis mein Korken rausknallte und ich überschäumend aus mir selbst schwoll. Mein Denken hatte sich verkutzt, bei großer Neugier stellt sich der Anstand eben kreuz, der Ehrenkodex quer. Aber ich bereue es nicht, denn ich bin fündig geworden und fand das kleine Geschenk, was mir einen Stich versetzte, der mir durch und durch ging.“„Hm, was war es denn?“ „So ein kleines Stofftier. Ein rosarotes Eichkätzchen mit Steirerhut.“ „Na wenn es weiter nichts ist als Geschmacksverirrungskapriolen.“„Es ist was weiter. Das Viech hatte ein großes rotes Herz ab den Mandeln über den gesamten Solarplexus bis zur Prostata, auf dem eingestickt war ‚Hab dich sooo lieb!!!’ Mit drei o und drei !. Ich hatte augenblicklich das Gefühl, etwas packt mich an den Zipfeln und wringt mich aus. Natürlich konnte ich ihn danach nicht darauf ansprechen, ich hätte dann schließlich zugeben müssen, woher ich es wusste. Und eigentlich wollte und brauchte ich auch keinen Kommentar von ihm diesbezüglich. Viel wichtiger wäre es mir, eine kosmische Gerechtigkeit dafür zu erlangen, dass er so etwas Indiskutables in einer Beziehung tut. Ich möchte es ihm heimzahlen, einen Punktestand schaffen.“
Judith schnaubte durch die Nase. „Dass ein Mann sich fair verhält, wäre mir selbst ebenso etwas Neues. Mein Partner hat mir letztens auch Unverdauliches an Verhalten serviert, ich habe mittlerweile das Gefühl, bei Männerbekanntschaften rutscht mir der Boden unter den Füßen weg, ich weiche breiig auf, zerfleddere in Fuseln meines Selbst. Kaum ist es wie im Traum, trifft mich irgendein nasser Waschlappen eiskalt im Gesicht, der mich daraus wach reißt. Mein Freund hat mir vor kurzem von einer Weinverkostung bei einem Winzer im Waldviertel erzählt, zu der er eingeladen ist und mich im selben Atemzug wissen lassen, dass er mich nicht mitnehmen könnte. Sein Bruder wird nämlich ebenfalls dabei sein und somit bestehe Gefahr, dass ich mich mit ihm unterhalte und er mir Fragen stellt, wobei er jegliche Informationen direkt an deren Mutter weitergeben würde, welche die Sohnemänner resolut unter der Fuchtel hat. Da ich vier Jahre älter bin als er, meinte er, würde er sich dafür bis in den gesundeten Bandscheibenvorfall hinein genieren, da dies nicht in die Partnerwahlvorstellung der Mutter passe.“ „Oh mein Gott! Und da lässt du mich von rosaroten Eichkätzchen lallen, anstatt das zu erzählen! Ich hoffe, du hast ihn wissen lassen, was er da Schreckliches zu dir sagt, hast du ihn auf das Brett vor dem Kopf aufmerksam gemacht?“„Dieses Brett vor dem Kopf nutzt er als Stütze in seinem Leben. Er lehnt sich mit der Stirn dagegen, schläft im Stehen, sabbert ein bisschen und schnarcht aus verstopften Polypen.“ Andrea verfolgte die Unterhaltung mit aufgerissenen Augen. „Mistkerl. Der. Wie hast du reagiert?“„ Nach einer Schweigeminute meinerseits habe ich ihm etwas zu Trinken angeboten.“ „Du hättest ihm etwas zu Denken anbieten sollen. Auf der Stelle.“ „Auf der Stelle ist mir dann gleich danach irgendein nebuloser Kundentermin eingefallen, weswegen wir gemeinsam die Wohnung verließen und sich unsere Wege trennten. Sobald er außer Sichtweite war, habe ich wieder eingeparkt und habe die Wohnungstüre hinter mir zugeknallt.“ „Hey, was war das denn, warum lässt du ihn blöd sterben und hast ihn nicht konfrontiert und hernach hinausgeworfen?“ „Bin ich für die psychosoziale Entwicklungshilfe von Muttersöhnen zuständig? Er gehört scheinbar zu jenen Menschen, die in die Welt gevögelt werden, damit in frisches Fleisch geronnene Elternprinzipien weiterstreben und Moralvorstellungen weiterführen. Allerdings: ich möchte an unsere Beziehung glauben, ich möchte sie nicht beenden, sie soll gelingen. Aber für diese Aktion will ich Vergeltung, das darf nicht ungebüßt bleiben, ich würde so gerne zurückschlagen und mich rächen. So leicht soll er nicht davonkommen.“
Andrea seufzte tief. „Ich kann zu diesem Thema auch etwas beisteuern. Vor einigen Wochen habe ich einen traumhaften Mann kennen gelernt, er sieht blendend aus, hat Charisma und ist charmant und weiß auch ganz genau, wie er auf die Damenwelt wirkt. Er trägt mich auf Händen und ist traumhaft romantisch, würde mir die Sterne vom Himmel holen Er ist ein…wie sagt man gleich noch mal, ein Spekulatius…er mischt bei der Börse mit, mal gewinnt er, mal verliert er. Außerdem zeigt er den Respekt, den Anstand und die Hochachtung vor mir als seine Begleiterin, mich noch nicht flachlegen zu wollen. Bisher gehen wir bloß aus, ich bin jedes Mal überwältigt von seiner zuvorkommenden Art, er ist einfach so wunderbar und dazu dermaßen tres chic et tres sexy, er duftet immer himmlisch, ist ein begnadeter Tänzer, weiß, welche Locations gerade neu eröffnet wurden und setzt uns auf alle möglichen VIP-Listen, er kennt die am besten aussehenden Menschen, denen wir beim Ausgehen begegnen, er hat wunderschöne Augen, ein bezauberndes Lächeln und einfach ein Auftreten zum Niederknien. Ich tätschelte ihre Schulter. „Andrea, er ist schwul.“ „Nein, ist er nicht, mein bester schwuler Freund hat ihn für mich gecheckt. Allerdings, es gibt da einen anderen Haken.“ „Hm?“ „Ich erreiche ihn telefonisch niemals. Aber er erreicht mich immer.“ „Hm.“ „Das heißt im Klartext, ich verbrachte die letzte Zeit damit, mich aufzustylen, sobald ich nach Hause kam, mich mit dem einen oder anderen Luxusfummel zu behängen und saß dann mit High Heels und Abendtäschchen auf dem Sofa, lehnte mich nicht zurück, um die zurecht gefönten Haare nicht wieder zu verwirren und hypnotisierte mein Handy, bis er anrief.“ Judith verdrehte die Augen. „Oh nein, das darf doch nicht wahr sein…“ „Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie es sich anfühlt, zum dreißigsten Mal das Make-up im Taschenspiegel zu kontrollieren und dann fällt mein Blick auf die Uhr und es ist bereits nach Mitternacht, sodass ich das Warten aufgeben kann.“ „Mein Gott, Süße, das hältst du nicht durch. Selbst ein Adonis von personifiziertem Charme ist es nicht wert, dass du emotional zusammenklappst. Zum Teufel mit irgendwelchen bezaubernden Porzellankronen. Deine Selbstachtung geht doch schon jetzt auf dem Zahnfleisch wegen diesem grotesken Verschnitt von Traummann! Vergiss den Kerl, “ rief ich enthusiastisch. „Ich erreiche ihn telefonisch niemals. Aber er erreicht mich immer.“ „Hörst du mir überhaupt zu?!“ „Sicher doch, ‚Adonis’ hast du gesagt…‚personifizierter Charme’…‚bezaubernd’… ‚Traummann’. Das stimmt schon alles! Aber weißt du… ich erreiche ihn telefonisch niemals. Aber er erreicht mich immer.“ „Wir lassen dich gleich ganz allein am Klo, wenn du nicht aufhörst.“ „Was mir bleibt, ist einzig und allein das Verschicken von SMS. Und ab Mitternacht ist dies bei mir gefährlich, denn dann fange ich aus unerfindlichen Gründen an zu reimen. Letztens war es ‚Kauf mir einen Ring, schmeiß ein Fest, mach mir ein Kind, bau mir ein Nest.’ Ab drei Uhr früh werden es dann meist schon SMS-Ketten mit einem lyrischen Epos im elegischen Tystichon.“ „Seit wann kennst du ihn denn?“ „Eine Woche, 4 Tage und siebzehndreiviertel Stunden.“ „Warum bitte lässt du dich von einem dahergelaufenen Senfkopf so verarschen?“ „Diese traumhaft schönen Locken in diesem schimmernden schwarz dieses Senfkopfs, die sind einfach hinreißend. Vielleicht ist er wahrhaftig ein Arsch. Aber weißt du, der Arsch von diesem Arsch, den ich mit Blicken durch den Anzug abgetastet habe, ich könnte darauf Sushi essen.“ „Mir scheint, dieser Arsch bescheißt dich einfach mit seinem Getue. Vielleicht ist er in der analen Phase stecken geblieben. Sobald er anruft, darfst du springen? Du bist doch keine Gämse.“ „Ihr habt schon Recht.“ Andrea ballte die Fäuste und presste die Lippen zu einem schmalen Strich. „Diese Parodie eines Beziehungsversuches ist Weinbergschneckenschleim. Ich darf nicht zulassen, dass sich meine eigene Ehre aus meinem Ich destilliert. Aber bevor ich ihn abschreibe habe ich mit ihm noch eine Rechnung offen. Ich habe zu viel an Emotionen und Energie an ihn verschwendet, sein Verhalten soll er büßen. Ich will mit ihm auf irgendeine Weise quitt sein, bevor ich es beende.“
„Ich habe eine Idee!“ Judith grinste mit einem Mal und sah Andrea und mich mit sprühenden Augen an. „Wir gründen einen Club! Wir schwören hiermit, Rache zu üben an unseren Männern, bis wir einen fairen, gerechten Punktegleichstand erreicht haben. Nämlich 10:1 für uns, diesen kleinen Spielraum bloß zur Sicherheit und für eine absolute Vergeltung.“ „Was wollen wir denn konkret anstellen?“ frage ich zögernd. „Das wird uns schon noch einfallen.“ Judith war sofort Feuer und Flamme. „Diese Klokabine hier soll unser Sitzungsraum sein“, entschied sie mit pathetischem Flüstern. Wir besiegelten dies per Handschlag.
Judith stemmte die Hände in die zierlichen Hüften und hob das Kinn. „Nächstes Wochenende finden wir uns wieder hier ein zur Tagung und dann schmieden wir Rachepläne, was wir konkret machen werden. Ich denke dabei nicht an heimtückische, erniedrigende, demütigende Dinge wie das Vertauschen seines Haarshampoos durch Haarentferner, pulverisierte Potenzpillen in seinem Morgenkaffee vor der Arbeit, Streuen von Juckpulver in seine Boxershorts, das Servieren von Sushi aus seinen Aquariumfischen, Abführmittel im mitgebrachten Gugelhupf, das anonyme Versenden seiner Aktfotos an Bürokollegen, Aufkleber von Snoopy auf der Motorhaube seines Mercedes, Parmesankrümel in seine Schuhe, das Schmuggeln von Pornomagazinen in seinen Aktenstapel vor einer Besprechung…“ Judith bemerkte es, dass ich mir mit Eyeliner auf einem Stückchen Klopapier Notizen gemacht hatte und spülte den Fetzen im Klo hinunter. „Nein, wir lassen uns viel Schlimmeres einfallen! Die unendlichen Weiten und Tiefen weiblicher Kränkung können schließlich nur schwer gesühnt werden. Wir brauchen also Zeit zur ausführlichen Planung. Diese Kerle werden bald schweißgebadet von uns im Cat Woman - Kostüm träumen, mit einer Kettensäge in der Hand als Kastrationsbesteck. “ Wir besiegelten den Pakt nochmals mit herzlichen Umarmungen.
„Wer weiß, vielleicht finden sich mit der Zeit auch noch mehr Mitglieder und wir müssen Trennwände beseitigen und Kabinen zusammenlegen“, träumte sich Judith in Rage und wir beschlossen, die Gründungssitzung fürs Erste zu beenden. Trunken vor Enthusiasmus und Rachelust-Ambitionen torkelten wir aus der Kabine.
Als ich das Damenklo wieder verließ, hatte sich auch meine bisherige Einstellung zum Männer-Pissoir deutlich verschoben. Die Vorstellung mehrerer einander unbekannte Männer, die Schulter an Schulter stehen mit einer Hand am Genital, wenn auch jeder am eigenen, war mir seit jeher suspekt erschienen. Nun musste ich meine Einstellung womöglich zurecht rücken. Vielleicht wurden beim gemeinsamen Pissen Männerbunde geschlossen, so etwas verbindet. Womöglich kehren die Herren der Schöpfung vom Pinkeln auch nach einer kollektiven Debatte mit dem neuesten Stand über die aktuelle Lage an der Börse zurück. Oder schließen dort geschäftliche Verträge ab, die sie mit der einen freien Hand unterschreiben. Oder helfen dem nebenstehenden Pinkelfreund freundschaftlich mit einer verfügbar behilflichen Hand einen offenen Manschettenknopf zu schließen. Hand in Hand einem Geschlechtsgenossen bei etwas beizustehen, während die andere Hand sich die eigene Geschlechtlichkeit gerade gleichzeitig akut ins Bewusstsein ruft, kann womöglich etwas sehr emotional Tiefgehendes bewirken. Den angesagten Szenetreff Toilette bloß für die Notdurft aufzusuchen und sie ohne bedeutsame Erlebnisse wieder zu verlassen, war eben vollkommen en vogue. Damen von Welt gingen wohl einfach deswegen immer gemeinsam auf die Toilette, um einen neuen exklusiven Freundeskreis hinter dieser Türe auch gemeinsam kennen zu lernen, Verschwörungen zu gründen, Pakte zu schließen und sich für das Leben zu verschwistern. Womit dieses Mysterium also ein für allemal geklärt wäre.
Als ich auf die Tanzfläche zurückkehrte, bestürmten mich Gwen und Klaus und sprachen abwechselnd auf mich ein, Klaus kam Gwen mit dem ersten besorgten Ausruf zuvor. „Mein Gott, wolltest du am Klo etwa übernachten?!“ „Bist du schwanger?“ „Ist alles in Ordnung Schätzchen?“ „Bist du schwanger?“ „Oder reichte die Schlange bis an die nächste Straßenecke hinaus?“ „Bist du schwanger?“„Ich habe wichtige Dinge über das Leben gelernt. Bin zu bedeutsamen Erkenntnissen vorgedrungen. Ich habe meinen Horizont erweitert und Eingang in Philosophien der Verschwörungstheorien gefunden, die mir bisher rätselhaft waren. Leute, ich fühle mich wie ein neuer Mensch, der sich unbekannten Weisheiten angenähert hat und sein Leben nun ganz neu entwerfen wird.“
Bis zur Vorlage eines Drogentests hatten mir die beiden dann leider untersagt, sie wieder zu kontaktieren. Von Bekannten erfuhr ich später, dass Gwen in den darauf folgenden Tagen auf der Mariahilferstraße unter den Hare Krishnas ängstlich nach meinem Gesicht in der singenden Truppe Ausschau gehalten hatte.
Schaumbad-Kult
Ich drehe beide Hähne der Badewanne zu, aus dem eingelassenen Wasser steigt nebelhafter Dampf auf und die bauschige Schaumkrone knistert leise, der Duft meines geliebten Honig-Milch-Badezusatzes steigt mir lockend in die Nase. Mit einer Hand wische ich im beschlagenen Spiegel über dem Waschbecken neben der Wanne einen Streifen klare Sicht frei und löse die Spange aus meinen Haaren. Rasch steige ich aus meinem Gewand und klettere in die Wanne, lasse mich wohlig in das heiße Wasser sinken und bette den Hinterkopf auf die Nackenstütze. Ich spiele gedankenverloren mit einer Handvoll Badeschaum, in den ich fest hinein blase, so dass er in dicken Flocken fort fliegt.
Ich schließe die Augen und pinkele ins Wasser. Ich weiß, dass dieses nicht den Status einer schockierenden Beichte verdient, denn alle Frauen meiner näheren Umgebung tun dies ebenso, ich habe einst aus Neugier und Forschungsinteresse getrieben Umfragen veranstaltet. Und ob peinlich berührt als Rechtfertigung vorgebracht oder mit einem Ausbruch von leidenschaftlichem Enthusiasmus begleitet, niemals fehlte hierbei die korrekte Bemerkung, Urin mache die Haut zart. Allerdings hatte ich noch niemals einen Mann, mit dem ich ein gemeinsames Bad genommen hatte, darauf aufmerksam gemacht, wenn ich im gegenwärtigen Moment seine Haut gepflegt hatte.
Eine alte Studienkollegin von mir schwärmte von Urin-Trink-Kuren, wobei dem gesamten Organismus Gutes getan werden konnte, ja auch wahre Wunder bei Infekten vollbracht werden konnten, und all dies mit einem kostengünstigen Zaubertrank nach Art des Hauses. Dem rituellen Genuss dieses allgemein gepriesenen Wundertrunks hatte ich mich nie hingegeben, wohl aber einen Liebsten beizeiten mit warmer Mundhöhle in den behaglichen Daunendecken zurück empfangen, wenn er nächtlich aufs Töpfchen gegangen war. Vielleicht ließe sich das als ein wunderbares Geben und Nehmen von intimen Pflegeritualen zweier Liebenden bezeichnen.
Ich klettere mit der linken Zehe zum Wasserhahn hinauf und lasse etwas heißes Wasser nachlaufen.
In einer meiner ersten festen Beziehungen wurde vergangenzeitlich der latent schlummernde Badekult aus mir gekeltert. Wir hatten damals gemeinsames Baden zelebriert mit Rosenblättern im Wasser, gepflügt aus dem eigenen Garten, und selbstgestampften Ölen aus eigenem Kräuteranbau. Wir wohnten in einem kleinen Häuschen in Wien Umgebung, nichts als Ruhe und Natur um uns herum, aus dem Tümpel in der Wiese quakten Frösche und eine fette Perserkatze schnurrte durch die Wohnräume, gerieten diese Tierchen aneinander, tapste die Katze mit Siegermiene über die Fleckerlteppiche und hatte an jeder Kralle einen Frosch stecken. Wir lebten eine gemütliche Zweisamkeit zwischen rieselnden Trockenblumen, vollen Kannen von milden Kamillentee und besinnlichen Landschaftsbildern, irgendwann musste ich mir immer häufiger zwanghaft vorstellen, wie ich auf eines des gestickten Zierkissen kackte und zog wieder in die Stadt.
Meine neuerworbene Badeeuphorie packte ich ein und nahm sie mit in eine niedliche Studentenwohngemeinschaft in Wiens Alsergrund.
Obwohl wir zu dritt dort wohnten, verbrachten wir die Zeit untertags und beizeiten unternachts meistens zu zehnt mit Freunden und Freundesfreunden. Wir hatten einen notorischen Mangel an Filtertüten für die Kaffeemaschine und rollten als Notbehelf Klopapierstreifen, um unsere Koffeingier zu befriedigen. Die meisten Pflanzen auf der Fensterbank konnte man rauchen und im Kühlschrank begann sich Sushi raupenartig fortzubewegen, das aus einem japanischen Restaurant stammte, welches seit zwei Jahren geschlossen hatte. Ein beliebtes Frühstück war Fritattensuppe mit Schlieren von Marillenmarmelade, geschnipselt aus den mitgebrachten Palatschinken von fürsorglichen Eltern, und die Suppenreste pflegten wir in zugeknoteten Kondomen in der Gefriertruhe einzufrieren. In diesem Studentengetümmel standen wir frühmorgens um dreizehn Uhr auf, aßen gemeinsam, lernten, gingen gemeinsam in Vorlesungen und büffelten nächtelang für Prüfungen, die Hände zitternd vor starkem Espresso und Red Bull und die Lernskripten bereits nikotingelb. Wir waren in dieser Wohnung wie Unsummen Bienen. Ergo summ. Summa summarum hieß das also, dass mit der Zeit jeder mit jedem für eine Handvoll aufregender Wochen zusammen war. Eines meiner Rituale war, mit einigen Freundinnen auf der Kante unserer Badewanne zu sitzen, wo wir uns die Beine rasierten, jede die ihrigen, und uns angeregt über unsere vergangenen Nächte unterhielten. Als wir das Badezimmer verließen, schwemmte die Letzte nach dem Rasur-Ritual bloß nachlässig die Badewanne mit der Brause aus, sodass ein dichter riesiger Haarball sich darin verfilzte. Beiläufige Besucher teilten uns öfters mit, in unserer Wanne wäre ein Pudel ertrunken.
Wir einigten uns in lebhaften Gesprächen darüber, dass ein Mann wie ein Gräsermeer im Frühling sein sollte, mit blühenden Knospen, Wiesenblumen, kletternden Maikäfern, an jeder Winzigkeit sollte etwas Bezauberndes zu finden sein, ein unbestelltes Feld. Damit eine Frau sich ans Werk machen konnte, es zu asphaltieren. Wir besprachen auch die wichtige Erkenntnis, zu der man spätestens mit tautröpfchenschillernden 20 gelangt, nämlich dass bei den wesentlichen Aussagen eines Mannes stets zehn Jahre zu addieren oder zehn Zentimeter zu subtrahieren waren. Und wir tratschten über die Herausforderung der Frau, in der Seele des Herrn möglichst rasch die crux zu finden, an der man ihn dann festnageln konnte, Halleluja.
Ich unterschied mich beträchtlich von meinen Mitbewohnerinnen, denn ich hatte Monogamie. Das ist zwar keine Virusinfektion, wirkt sich in ihren körperlichen Symptomen fast so aus, denn es bewirkt verklärt lächelnde Paare, gurrende Frauen und schnurrende Männer und nach einer Zeitspanne müssen die übermütig fort gestreuten Gehirnzellen wieder eingesammelt werden, um den alten IQ wieder zusammenzuklauben. Meine Vorstellung vom Leben nahm schon damals Gestalt an als ein behagliches Heim, Kinder mit Zahnpastamäulchen beim Gute-Nacht-Kuss, ein Wochenendhäuschen und ein haariger Golden Retriver, der die zugeworfenen Schinkenhappen vom Frühstück auf der lauschigen Terrasse wieder auf den polierten Parkettboden erbricht. Meine Selbsterkenntnis hatte ich abgeschlossen: ich war als gefühlvolle Romantikerin geboren worden und würde mein Leben deswegen auch als depressive Übriggebliebene bestreiten. Jede Liebschaft erkor ich zum perfekten Partner, so wahr ihm Gott helfe und was es mich auch an Energie zur Modellierung kosten mochte. Jeden Morgen schlug ich die Augen auf und beobachtete selig ein schlafzerknautschtes Gesichtchen neben mir, solange, bis dieses konkrete Gesichtchen sein wahres Gesicht zeigte und ausgetauscht werden musste. Bei der ersten Entgleisung von der Traummannperfektion meiner Illusion schickte ich als Revanche die Sprachaufnahmen von ihm beim Telefonsex anonym an seine Mutter und empfahl mich. Ich bin eine jener vielen, die sich als Neunjährige verbotenerweise mit Mamas Perlenketten behängten, dabei in Illustrierten blätterten und Fotos von glücklichen Paaren in sich aufsaugten, und den Gedanken im Kopf hatten: so möchte ich es auch einmal haben, genau so. Zum Zeitpunkt der Ausgabe waren die abgebildeten Paare höchstwahrscheinlich bereits getrennt und die Ehefrau verging im Schmerz, weil ihr geliebtes Mann es mit der Bügelhilfe trieb. Aber ich war schon damals süchtig nach der Illusion von Glück.
Wenn ich vor meinen Mitbewohnerinnen glühend die Meinung vertrat, dass in meiner Glückstheorie nicht bloß mein Körnchen Wahrheit steckte, sondern ein ganzer Mischbrotwecken, verdrehte jede rollend die Augen und meinte entrüstet, sie könnte sich mit meiner Traumversion von Liebesalltag so gar nicht wohl fühlen. Sie wollten bloß die ersten Küsse, die ersten prickelnden Nächte, wollten pure Leidenschaft, das ausgelebte ureigene Recht für sexuellen Egoismus und stets weit vom Bei-Offener-Tür-Pinkeln-Status entfernt. Ihre Pheromone verströmten geballtes Eau de Single. Doch mich selbst ließ der Gedanke frösteln, immer einen anderen beiläufigen Liebhaber ins Leben schneien zu lassen, mich schauderte bei der Vorstellung an emotionale Kälte in immerzu fremden Armen. Darauf wurde gekontert, es wäre immer wieder eine spannende Überraschung, wie viele Zentimeter ein neues Schneegestöber mitbringe. Vorsorglich waren in der Wohngemeinschaft drei Laden Abendgarderobe für die Männer gebunkert, in drei unterschiedlichen Kragenweiten, Kondome in den Größen Klein, kleiner und Bist-du-deppert-ist-das-klein. Mit einer Freundin, die mit ihrer Einstellung am stärksten den Gegenpol meiner Haltung darstellte, diskutierte ich, dass wir beide, im Shaker gut vermischt, wohl der Männer ideale Traumfrau wären: seelischer Tiefgang, emotionale fürsorgliche Wärme, ein egomanisches Feuerwerk, Lustbefriedigung en masse – allerdings auch ein doppelköpfiges Wesen mit zwei Mündern, das somit niemals die Pappen hält.
Ein orangefarbenes Käfer-Kabrio hatte ich auch zu dieser Zeit und meine Haare, von rosafarbenen Schmetterlingsspangen aus dem H&M gehalten, flatterten fröhlich im Fahrtwind.
Ich hätte es inzwischen wissen müssen, innerhalb der Grenzen Wiens war mein Biotop, denn kaum wagte ich eine Fahrt durch ein kleines Stift, geriet ich in eine Ölspur, mein schmucker Käfer schlingerte über den Marktplatz, schrammte einen Lieferwagen, rammte einige Mülltonnen, krachte in einen Gemüsestand und hernach verlor ich die Kontrolle über mein Auto. Also suchte ich mir einen jungen Anwalt, der was kann halt. In einem Kaufhaus gabelte er mich auf, briet mich an, also gingen wir essen. Er führte mich in kerzenlichtbeleuchtete Restaurants, brannte dort zwar wie ein Luster, aber war in der Tischkonversation keine große Leuchte. Auch ihn prüfte ich auf Nagelprobe und Dübel-Check. Letztendlich erschien er mir als einer jener Typen, denen man in der Schule die Bleistifte versteckte. Eine unbefriedigende Kommunikation ist seit jeher das erste Kriterium zur Aussortierung, hernach kann die Mundhöhle für leidenschaftliche Küsse genützt werden, doch erst nachdem die Zungenfertigkeit eines Mannes in ihrer wesentlichsten Funktion unter Beweis gestellt wurde. Für meinen Geschmack hatte er zuwenig seelischen Tiefgang und war emotional geradezu seicht wie Gatsch. Seine intellektuellen politischen Ausführungen blubberten mir bald aus den Ohren wieder retour, rannen an mir herunter und sickerten in meine Poren. Ich wusch mir also diese kurze Bekanntschaft mit Essenzen aus Jasmin in einem ausgiebigen Schaumbad von der Oberfläche, trocknete mich mit einem flauschigen Frotteetuch ab und war bereit für eine neue Liaison.
Daraufhin lernte ich einen adretten Jüngling kennen und trug den Scheitel nur mehr links, da ich in diesem Zuge nur mehr ausschließlich die rechte Gehirnhälfte gebrauchte und diese also sorgsam zu wärmen trachtete. Ich mutierte zu einer mädchenhafte Lady mit großen Kulleraugen und feminin wimperngezangtem Augenaufschlag. Er kam aus gutem Hause mit noblem Stallgeruch. Wir besuchten Bälle und affektierte Veranstaltungen, steuerten dort auf die aufgetürmten Berge von Kaviar zu und bezogen neben dem Idiotenhügel Stellung, plauderten reichlich gestikulierend mit Elitedebilen und brausten danach mit seinem Porsche heim und tranken Champagner im riesigen Whirlpool.
Doch das Schicksal ist schneller als ein GT3. Eines Abends ließ ich nach dem Baden vor dem Zubettgehen das Wasser aus, und der Abfluss gurgelte heftig schnaufend, da er mit aller Gewalt versuchte, von mir unbemerkt BH und Tanga seiner Koks-Dealerin in die Kanalisation zu saugen. Ein Mensch und seine Badewanne, die halten eben zusammen.
Ich erkannte, das Dasein war nicht immer ph-neutral und teintschonend. Mein Duschbad aus Mandelblüten allerdings schon. Die Wanne meint es immer gut mit mir, auf das Wohltuende einer Badezeremonie ist Verlass.
Andere Beziehungen kamen und gingen. Eine neue Badewanne kam, jene in meiner derzeitigen Wohnung, und blieb mir angetraut. Ich wusch die Aura einer Reihe von Partnern in dieser Wanne von meiner Haut, konnte mich hier mit meinen Wünschen und Sehnsüchten brausen gehen, und regelmäßig schrubbte ich den Grint aus kleinen Ritzen der Wanne und schwemmte winzige Atomen der Haut meiner Partner gemeinsam mit letzten Erinnerungen in den Abfluss. Ich führe eine stabile Beziehung mit meiner Badewanne.
Nochmals strecke ich nun den Zeh und lasse heißes Wasser nach. Ich höre draußen im Gang den Schlüssel im Schloss, als mein gegenwärtiger Für-Immer-Währender-Liebster nach Hause kommt. Höre das Klong des hölzernen Kleiderbügels an der Wand, als er seinen Mantel aufhängt. Er spaziert durch den Gang und bleibt an der offenen Badezimmertüre stehen.
„Komm zu mir ins Wasser!“ bitte ich ihn und streckte die Arme nach ihm aus. Lächelnd stellt er den Aktenkoffer ab und beginnt, sich aus dem Anzug zu schälen.
Auf ein Wort, mein Herr
Ich kratze allen verfügbaren Willen in mir zusammen, um mir nach einer langen Nacht in der Diskothek die Wimperntusche herunter zu waschen, bevor ich mir erlaube, todmüde ins Bett zu sacken. Denn nichts ist schlimmer als am nächsten Morgen mit schwarzen Schlieren aufzuwachen, die einen aussehen lassen wie ein verbittertes, verhärmtes Nervenwrack mit gruslig schwarzumränderten Augenhöhlen. Wenn ersteres auch beizeiten zutreffen mochte, zumindest Augenschatten wollte ich keine. Ich schlinge meine Arme um den Kopfpolster und zwei Atemzüge später nicke ich auch schon ein und registrierte nur noch, dass ich vergessen habe, die Lampe im Bad auszuknipsen,die mir jetzt durch die geöffnete Türe direkt ins Gesicht strahlt. Diese Wahrnehmung begleitet mich, während ich in den Schlaf sinke.
Hell blendet mich das Sonnenlicht, die gleißenden Strahlen fallen sanft auf die Wolkendecke, das Licht lässt die bauschigen Hügel im Himmelreich schimmern und ein laues Lüftchen schwebt sachte über die Wolkenfetzen.
Gott sitzt im Schneidersitz, sein Bart fällt wallend herab, seine aufrechte Sitzhaltung spricht von Würde und Autorität, sein klarer Blick verrät geistige Sammlung und höchste Konzentriertheit. Er ergreift das Wort. „Moses gibt. Dr. Herzl, bitte heben Sie ab.“ Theodor Herzl streckt seinen Arm aus nach dem Kartenstapel. Seit einer halben Stunde ist die Pokerpartie im Gange, einige Mitglieder Gottes engster Familie sitzen im Kreis, Jesus blickt stirnrunzelnd in seine Karten, vor Maria Magdalena, der begnadeten Hasardeurin, sammeln sich die Golddukaten.
Aus einiger Entfernung verfolge ich das Szenario, ich hocke auf dem Wolkenboden, denn die Kameraausrüstung um meinem Hals ist schwer, in meinen Händen halte ich einen Block und den gezückten Stift, das Diktiergerät steckt in meiner Gürteltasche. Ich habe den Auftrag erhalten, für Serious Love einen ausführlichen Bericht über das himmlische Reich zu verfassen. Noch niemals, seit Anbeginn aller Zeiten nicht, konnte eine klare Sicht in den nebligen Mythos des trüben Wolkenreichs erlangt werden. Also hatte ich Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, meine Erlaubnis für Recherche-Zwecke zu erhalten.
Unmengen von höchstgespannten Lesern ließen mir bereits frühzeitig eine Flut von E-Mails zukommen, welche Fragen und Anliegen ihnen besonders am Herzen liegen, um Gottes ewiges, unabänderliches Wort mit aller Sitte, Moral und Tugend zu befolgen. Beispielsweise beabsichtigt ein Leser, seine Tochter in die Sklaverei zu verkaufen, wie es in Exodus 21:7 erlaubt ist, und bat um detaillierte Informationen, welchen angemessenen Preis er wohl für die ansehnliche Sechzehnjährige, braunhaarig, 88/60/87 verlangen dürfe. Ein anderer Leser gehorcht jeden Samstagabend im Irish-Pub Leviticus 15:19-24 und fragt daher jede Frau, damit er mit ihr in Kontakt treten darf, ob sie auch gerade sicher nicht menstruiere. Er beschwert sich ausdrücklich, denn mittlerweile ist er die darauf folgenden schmerzhaften Tritte in seine empfindlichsten Zonen leid. Ein nächster bezieht sich auf Leviticus 25:44, wonach man Sklaven besitzen darf, sofern sie aus benachbarten Nationen erworben werden. Er lässt ausdrücklich fragen, warum er an die zehnte Kette nicht ausnahmsweise eine rassige Spanierin legen darf. Eine Frau sandte uns unter der fett gedruckten Frage „Wie sollen sie sterben???“ eine Liste aller ihr bekannten fußballspielenden Männer zu, obwohl doch das Berühren der Haut eines toten Schweins nach Leviticus 11:7-8 verboten ist. Eine weitere Frau berichtete, ihr Gatte fluche und lästere vor dem Fernseher ziemlich oft und lässt anfragen, ob deswegen wirklich der ganze Aufwand betrieben werden muss, alle Einwohner Wiens zusammenzuholen, um ihn zu steinigen (Leviticus 24:10-16), oder ob es nicht genüge, ihn in einer kleinen familiären Zeremonie zu verbrennen.
Jemand tippt mir von hinten auf die Schulter und ich fahre erschrocken hoch, springe auf und drehe mich um. Vor mir steht ein himmlisch fescher Jüngling, eine paradiesische Erscheinung. Sein langes Haar trägt er zu einem Pferdeschwanz gebunden, nur einige neckische Strähnen fallen ihm ins Gesicht. Ich versinke in seinen schelmisch glitzernden Augen, als er mir die Hand entgegenstreckt. „Servus, ich bin der Petrus.“
Ich schüttele seine Hand und versuche mein kokettestes Lächeln. Sträflicherweise verschwieg mir die Bibel seinen Sexappeal, ansonsten hätte ich gewiss etwas anderes angezogen. Petrus lässt seinen Blick über meine Ausrüstung schweifen. „Du bist zum Recherchieren hier, richtig? Dann komm mal mit, Herzchen, ich führe dich herum.“ Freudig schnappe ich meine Utensilien und folge Petrus hinterher, wobei ich mich nur schwer zügeln kann, keinen Blick auf seinen Knackpo zu werfen. Wir kommen an einem männlichen Engel vorbei, der auf einer Wolke Sit-ups macht und sein bereits makelloses Sixpack trainiert, er lächelt Petrus zu und dieser zieht verschwörerisch eine Augenbraue hoch, woraufhin ich meine bange Hoffnung auf ein Rendezvous mit ihm im siebten Himmel fallen lasse.
Nebeneinander schreiten wir durch die Eingangshalle, der Wolkenboden ist hier mit strahlend weißen Fließen bedeckt, über unseren Köpfen wölbt sich eine Kuppel mit Fresken und Reliefen, mittig prangt eine schlechte Reproduktion Leonardo da Vincis berühmten zwei gereckten Zeigefingern aus dem Gemälde ›Erschaffung Adams‹.
„Beginnen wir mit diesem Teil des Himmels“, meint Petrus, als wir die Halle durchschritten haben und er macht eine ausschweifende Bewegung mit dem Arm. Ich blicke mich erstaunt mir, vor meinen Augen eröffnet sich ein weitläufiges Wellnesszentrum. Menschen sitzen im Bademantel auf Liegestühlen in der Sonne, lesen Zeitschriften und nippen an eisgekühlten Getränken, einige schwimmen ihre Bahnen durch das Schwimmbecken, andere entspannen mit geschlossenen Augen im dampfenden Whirlpool. Auf ausgebreiteten Badetüchern massieren einige Engel die Rücken der zufrieden brummelnden Menschen, in einer Ecke findet gerade eine Aerobic-Stunde statt, die ein athletischer weiblicher Engel in rotem Cat-Suit anleitet, in der nächsten Ecke wird Pilates angeboten und eine Gruppe bricht gerade zu einer Nordic-Walking-Tour auf der Wolkendecke auf. „Meine Güte, der Himmel ist Loipersdorf“, murmele ich verzückt.
Auf einzelnen Wölkchen sitzen Frauen mit einem sahnig frischen Philadelphia in den Händen und genießen ihn mit frischgebackenem Weißbrot. Für Nachschub sorgt ein Engel, ein Chippendale mit Flügeln, ab und zu hält ihn die eine oder andere Frau auf, um ihr den Nacken zu massieren. Einige der Wölkchen sind bereits etwas tiefer gesackt, da ihre Besetzerin nach der x-ten Portion bereits erheblich zugelegt hat. „Dies hier ist die Zone der betrogenen Ehefrauen“, erzählt mir Petrus. „Sie haben sich bis in die Unendlichkeit Entschädigung für ihren Schmerz auf Erden verdient. Sieh dich nur weiter um, hier sind wir in den Frauengefilden.“ Wir schlendern in ein schmuckes Bistro mit samtbezogenen Sesseln, todschicker Innenausstattung und umhereilenden Kellnerengeln. Das Sonnenlicht fängt sich schillernd im Strassherz der Gucci-Sonnenbrille einer Dame, wandert gebündelt zu der Gürtelschnalle einer Frau im Versace-Outfit, berührt ein klickendes Dupont-Feuerzeug einer nächsten, umspielt an einer gestikulierenden Hand einen Weißgoldring von Chaumet, lässt eine silberne Dior-Tasche in Schwanenform aufglimmen, wird zu einem Glas Champagner an einem anderen Tisch geworfen und verliert sich in den perlenden Bläschen. Ich tauche ein in das temperamentvolle Stimmengewirr, von hier und dort plappert es munter umher und vermengt sich zu einem kaum aufzudröselnden Knäuel von Gesprächsfetzen. Ich konzentriere mich, Verständliches davon zu erhaschen: „…hast du schon das Neueste von Babsi gehört?“ „… einen Martini Bianco bitte“ „…Nikki trägt jetzt einen Pagenkopf mit blonden Strähnchen, sieht beschissen aus“ „… dann einen guten Schuss Milch hinzufügen und alles eine Weile köcheln lassen“ „…was haltet ihr von meinen neuen Accessoires von Miu Miu?“ „…okay, Küsschen, Schätzchen …“ hysterisches Aufkreischen und Kichern „… ich hätte gerne eine Crème Brulée“ „… supersüß, deine Chanel-Brille“ „…also gut, hör zu, aber sag ihr bloß nicht, dass du es von mir weißt, ich habe dir kein Sterbenswörtchen erzählt“ „…mir geht es im Moment genauso, das ist auch kein Wunder, denn Jupiter steht im zweiten Haus“ „… ich hatte damals meinen Abschiedsbrief auf seinen BMW gekratzt“ „…das meint jedenfalls mein Psychoanalytiker“ „… dreh dich nicht um, dreh dich nicht um, dort ist sie - warum hast du dich umgedreht, jetzt hat uns das intrigante heuchlerische Dreckstück gesehen, sie kommt zu uns, da ist sie schon, hallo Liebes, toll siehst du aus!“ „… wie, mit dem hast du geschlafen? Erzähl, wir wollen Details hören“ „... weißt du, was die beste Freundin der Kosmetikerin der Schwägerin ihrer Schwester mir erzählt hat, hör zu …“.
Ich werde niemals erfahren, was ihr erzählt wurde, denn mit dem Aufbringen höchster Anstrengung schleift Petrus mich weiter.
„Sag mal, Petrus, woher habt ihr denn das Geld für all den Luxus?“ „Tantiemen selbstverständlich, Herzchen“, er schüttelt belustigt den Kopf. „Die Bibel ist seit jeher ein Publikumshit, der Medienliebling schlechthin. Rein gar nichts topt die Auflagenhöhe unseres Verlaghauses. Bedauerlicherweise kommen unsere Anwälte gar nicht hinterher, gegen alle Raubkopien zu klagen, und in euren Übersetzungen verlieren Gottes Witz und Sarkasmus. Die Bibel ist ein Meisterwerk, Vision, Geschichte, Poesie, Krimi, Moral, Ethik, Gesellschaftskolumne und Porno liegen dicht beieinander, trotz des Generationsunterschiedes der Verfasser sind das alte und neue Testament gleichermaßen beliebt. Bis heute lässt sich jede Diskussion bei euch auf Erden mit dem Hinweis abwürgen: Verzeihung, das steht bereits in der Bibel. Und was tut Gott? Es steht wirklich da.“
Ich krame den vierundzwanzigsten Schreibblock hervor und sehe besorgt, dass das Speicherlimit meiner Digitalkamera bald erreicht ist.
„Petrus, eines würde ich gerne auf jeden Fall noch erfahren. Wie steht es mit dem Fegefeuer, mit dem Abbüßen der Sünden. Gibt es das Gott sei Dank gar nicht, war das bloß eine Lüge?“ „In Ordnung, komm mit. Gehen wir hier lang in einem Bogen zurück.“ Je weiter wir in jene Richtung gehen, desto lauter werden auf einmal bedrohliche Trommeln, schmerzerfüllte Schreie und ein Rasseln von Ketten. Schließlich taucht ein Schild auf mit der Aufschrift: ›Zum Fegefeuer. Knie nieder, Sklave, dein Herr befiehlt es!‹ „Sieh her, das hier ist die strenge Kammer“, sagt Petrus und streckt den Zeigefinger aus. „Aber das ist nur auf freiwilliger Basis für die frommen Katholiken, die wollen das so.“ Ich spähe hinein durch die schmiedeeiserne Pforte. Was ich sehe, sind stöhnende und brüllende Menschen auf Prangern und Streckbänken, ein Engel in nietenbeschlagenem Ledertanga peitscht die Leute aus. „Zürne mir, denn ich habe gesündigt. Danke für die Erziehung, Meister, mehr bitte!“ Das Paar am Boden liegende Stiefel hat Gott im letzten Winter getragen, bekomme ich von Petrus zugeflüstert. Wann immer jemand daran vorbeirobbt, leckt er daran.
Wir wenden uns ab und Petrus geleitet mich zu einem großen Portal, auf einem Messingschild lese ich ›Besprechungsraum‹. Mit einem kräftigen Ruck zieht Petrus die Türe auf. „Cheffe, hast du jetzt ’n Moment für das Mädel?“ „Ich habe dir schon tausende Male gesagt, du sollst anklopfen, Lausebengel“, tönt eine Stimme von innen. „Also gut, lass sie rein!“
Ich hole tief Luft, meine Knie fühlen sich mit einem Mal sehr wacklig an. Mein Herz trommelt mir bis in den Hals hinauf, auf meiner Zunge bildet sich der metallische Geschmack von Furcht, ich sammele all meinen Mut und Petrus versetzt mir einen solchen Stoss, dass ich mit einem weiten Satz bäuchlings in den Raum zu liegen komme. „Ach, das ist nicht notwendig …“ winkt Gott ab und streckt mir die Arme entgegen, um mir aufzuhelfen. „Ihr müsst nicht im Staube vor mir kriechen, das war einst nur so dahin gesagt, ich gestehe es, es war im Affekt.“ Ich blicke hoch und sehe in Gottes gütige Augen, er schmunzelt und um seine Augenwinkel bilden sich eine Menge Lachfältchen. Mit einem Mal fühle ich mich wie neugeboren, durch meine Gedanken weht es frisch und klar, nichts als Ruhe ist in mir, und alle meine Fragen habe ich vergessen. „Weißt du …, “ ergreift Gott wieder das Wort, „ - ich darf dich doch duzen?- ich machte früher eine schwere Phase durch. Ich steckte in tiefen Depressionen, quälende Minderwertigkeitskomplexe peinigten mich. Ich wusste nicht, was ich mit mir und der Unendlichkeit anfangen sollte. Um mich und in meiner Seele war es dunkel und düster. Also schöpfte ich herum. Mir kam die Idee, den Menschen als mein Ebenbild zu erschaffen, damit ich von Meinesgleichen lernen könnte, wie sich ein Leben entwerfen lässt, ich suchte nach Hilfe. Ich wollte angeleitet werden, versprach mir Hoffnungen davon, was ihr mich über das Leben lehren könnt. Leider kompensierte ich im Umgang mit euch meine Komplexe, ich befahl Gehorsam und Unterwürfigkeit, ich strafte, ich zürnte und tobte, spuckte Gift und Galle beim Wüten. Ich habe schwerwiegende Fehler gemacht und es tut mir aufrichtig Leid. Auch ich bin nur ein Mensch. Ich hoffe, ihr könnt mir eines Tages vergeben. Ich dachte eigentlich, ihr würdet mich durchschauen, denn jemand, der solches von sich gibt, kann nur extrem schwerwiegende Probleme mit sich selbst haben.“ Er schlägt ein Buch auf und trägt vor : „Herrscher der Welt, unser Vater, König der Könige, dem nichts verborgen bleibt, wir preisen Dich in Ehrfurcht, Allmächtiger, der Du entscheidest über Leben und Tod und dessen Augen alles sehen …“, daraufhin verzieht er angewidert das Gesicht und schlägt es wieder zu. „Ich konnte nicht wissen, dass ihr mich ernst nehmen würdet und mir fortwährend mit Lobhudelei schmeichelt, weil mir der Applaus angeblich über alles geht. Würde ich dies wirklich verlangen, wäre es doch schließlich eine eingeforderte Beleidigung meiner Intelligenz. Ich würde mich damit vor jedem denkenden Menschen lächerlich machen. Zwischen uns herrschen schlimme Missverständnisse. Und dass ich allmächtig bin, war unverzeihlicherweise nur so dahin geflunkert. Mein Erlöserkomplex nahm nämlich damals extreme Formen an. Denkt ihr, wenn ich dies wahrhaftig wäre und Möglichkeiten hätte, würde ich nicht eingreifen? Für welchen unverantwortlichen Vollkoffer haltet ihr mich nur. Ich appelliere diesbezüglich an eure Logik! Es tut wirklich gut, dass ich mir durch deinen Besuch endlich vieles von der Seele sprechen kann. Es ist, wie es ist, ihr und ich, wir sind als Wesen eine interessante Mischung, so viel Dunkles und so viel Helles steckt in uns, wir alle sind sowohl zu entsetzlichen Gräueltaten fähig als auch zu guten, wunderbaren Dingen. Doch für eines gilt euch mein ewiger Dank, denn durch euch erst erfuhr ich, was alles in mir steckt, und mit welcher konsequenten Bewusstheit und Verantwortlichkeit damit unbedingt umzugehen ist.“
Ich bringe kein Wort heraus, so ergriffen bin ich. Gott ist ein ganz sympathischer Kerl, ein prima Typ, wer hätte das gedacht. Mit einem nächsten Lidschlag finde ich mich plötzlich außerhalb vor Gottes Besprechungszimmer wieder. An der Türe hängt mit einem Tixo-Streifen ein Zettel befestigt: ›Schabbes, Ende des Parteienverkehrs‹.
Einige Zeit starre ich verdattert vor mich hin. Petrus tritt von hinten an mich heran und beginnt, meine Schultern zu massieren. „Komm, lass uns gehen“, sagt er und begleitet mich zur Himmelspforte. Wir lassen uns auf den Treppen der Eingangshalle kurz nieder und rauchen gemeinsam eine Zigarette. Wir tauschen auch unsere Handynummern aus, obwohl ich nicht denke, dass ich so rasch wieder in die Gegend kommen werde für einen netten Plausch bei einem spontanen Cappuccino. Petrus umarmt mich zum Abschied und das Himmelstor fällt klickend hinter mir ins Schloss. Siedenheiß fällt mir ein, dass ich meine Kamera und das Diktiergerät drinnen vergessen habe, und meinen Rucksack mit all meinen Notizen. Niemand auf Erden würde meinen Erzählungen über den Mythos der Mythen aus dem Buch der Bücher Glauben schenken! Ich musste meine Recherchen unbedingt aus dem Traum hinüber retten. So strecke ich die Hand aus, um nochmals zu klopfen, als mein Blick auf das purpurne Spruchband über dem Tor fällt: ›So sei es.‹
Auch Freud wusste es nicht
Ich habe ein Versorgungscamp neben dem Telefon aufgeschlagen und versuche mit aller mentalen Kraft, mein Bild kugelblizartig vor den geschlossenen Augenlidern von K. aufflammen zu lassen, damit er sich bei mir meldet. Warum ruft er nicht an? Vielleicht ist er tot. Oder er schlendert gerade händchenhaltend mit einer anderen durch die Straßen. Hoffentlich ist er nur tot.
Ich stopfe eine Tafel Doppelkrokantschokolade in mich hinein, leichte Übelkeit bereits ab der dritten Rippe. Verliebtsein ist ein pathologischer Zustand, in dem man nichts anderes tut, als alles, was einem fehlt, in den anderen zu projizieren, das innere Wachstum stagniert.
Mein K., eine leere Hülle, in der ich all die süßen Früchte gefunden zu wähnen meinte, welche jedoch in der tundrahaften Einöde der Seelenlandschaft dieses Mannes mitsamt ihren fröstelnden klimatischen Bedingungen emotionaler Kälte niemals wahrhaftig würden wachsen können.
Aber – wie wunderschön ist er doch! Sein Muttermal im Nacken (Olivia), sein Pigmentfleck am Oberarm (Anette), sein süßer, entzückender Penis (Gretchen) und sein einzelnes langes Haar am Rücken (Boris). Wann immer ich meine Nase in seinen Nacken vergrub, so duftete er nach Karamell. Wäre ich Lyrikerin, hätte mir bereits der frühmorgendliche Anblick eines mir zugewandten rosa Ohrläppchens von ihm 15 Balladenverse entlockt, doch ich komme von der Prosa. Mit einer Miene, auf der sich der gesamte Schmerz aller einsamen Frauen abzeichnet, sinke ich ihn mich zusammen. Wo ist er, wann kommt er, warum ist er noch nicht da. Wehmütig hänge ich den Gedanken an die postkoitale Vertrotteltheit nach, in der man Mamorgugelhupf backen möchte und die Psyche einer Blümchentapete ähnelt. Hatte ich ihm denn nicht immer überdeutlich meine Liebe gezeigt, beispielsweise mit meinen SMS-Aktionen im 5-Minuten-Takt á la „Ich zähle die Stunden!“.
Eine innere Stimme hatte mich oft zu bekehren versucht. „Mein herzallerliebstes, einziges Selbst. Heute darf dir keine SM aus dem schlimmen Finger komme. Tu wenigstens so, als ob du auch ein eigenes Leben hättest. Keine Bereitschaftsdienste. Wenn er wissen will, ob du diesen Abend Zeit hast, dann sagt ein braves Mädchen, „dieses Wochenende / diesen Sommer sieht’s leider ganz schlecht aus.“ Etwas Derartiges durchzuziehen wäre für mich jedoch in etwa so realistisch gewesen, wie ein fehlerfreies Häkeldeckchen anzufertigen. Ich schenke mir ein Glas Chardonnay ein und leere es in einem Zug, um die Sache mit klarer Sicht zu betrachten. Dabei rufe ich K. zum achtunddreißigsten Mal an und lege bim ersten Läuten wieder auf. Meine Rufnummer ist unterdrückt, er kommt sicherlich nicht auf die Idee, dass ich es war. Wie bloß soll ich K. nach seiner emotionalen Zugewandtheit fragen, sobald er sich bei mir meldet. „Hast du mich noch lieb?“ Nein, ein Liebhaben bezieht sich bekannterweise allenfalls auf Topfpflanzen und Badezusätze. „Liebst du mich noch?“ Dies möchte ich aus alter Gewohnheit nur mit einem schmachtenden Augenaufschlag, stehenden auf einem regennassen Straßenpflaster sagen, wobei der Wind die untersten Rüschen eines Pradakleides raschelnd in die Höhe weht. „Verspürst du noch tüchtige Zuneigung für mich?“ Dies könnte etwa hausbacken genug sein, um seine Waldviertler Kulleraugen doch bitte bloß ein einziges Mal zum Glänzen zu bringen. Ich lehne mich zurück und endlich, endlich runzelt sich meine Stirn in jene Fältchen, in denen sich die Realität eingräbt und die Pfade rationaler Erkenntnisse anzeigen. Frauen sind nicht auf die Welt gekommen, um verstanden zu werden. Kein Mann würde es je ermessen oder gar zu schätzen wissen, was alles in weiblichen Potentialen steckt. Während Männer infolge erhöhten Alkoholgenusses schnarchen, so tun es Frauen deswegen, um den geliebten Menschen des Nachts vor wilden Tieren zu beschützen. Mein fürsorgliches Suchen-Retten-Bergen-Syndrom, bei dem ich einen Mann in satinbezogene Decken einwickele, das Köpfchen auf einen riesigen Daunenpolster gebettet, um ihn liebevoll mit einem Kresseschaumsüppchen füttern zu können, obwohl einzig meine Liebe ihn doch sicherlich bereits satt macht, behält nur seine Energie, solange ein Patient bedürftig bei guter Schwäche ist.
K. jedoch hatte mich nie gebraucht. Und. Er hat einen Duftbaum im Auto. (Finden wir so etwas gut? Nein, das finden wir nicht gut, gar nicht gut.) Er ordnet seine DVDs alphabetisch (Tolerieren wir so etwas? Nein, das fällt unter Scheidungsgrund.) Er ist alles andere als genussfähig, schon alleine das Zelebrieren der Grundbedürfnisse wie ausgedehnter Schlaf, gutes Essen, lustvolle Sexualität sind ihm vollkommen fremd. Seine Machlowsche Bedürfnispyramide ist in ihrem Fundament porös und instabil, bloß aus grobkörnigem Sand halbherzig zusammengepappt. Stilsicherheit ist ihm ein Fremdwort. In die Oper geht er nicht, denn dort singe sie auf ausländisch. Er trägt abgelegte Hosen von seinem älteren Bruder, diese enden zwar eine Handbreit über dem Knöchel, aber schließlich sind sie nach fünfzehn Jahren noch nicht verschlissen, da Waldviertler Handarbeit. Er ist derart wortkarg und einsilbig, dass seine Kommunikationsorgane trocken und verrunzelt und zwetschkenblau vor Sauerstoffmangel sind, da sie immer vakuumverpackt verschlossen bleiben. (Aus welchen Traumata resultieren seine kommunikativen Defizite, ein emotional abwesender Papi, eine überpräsente Mami?)
K. reagierte auch niemals mit der von mir erwünschten überschäumenden Emotionalität, wenn ich ihn um drei Uhr früh aus dem Tiefschlaf wachrüttelte und leidenschaftlich flüsterte: „Sag es mir, hättest du mich auf der Titanic in das erste Rettungsboot geschubst?“ Ich habe meinen Blick immerzu in seine Augen versenkt, denn wenn ich diesen in seiner Wohnung nach rechts schweifen ließ, fiel er auf ein hinter Glas gerahmtes Landschaftsbild und links auf einen Wandverbau in Volleiche, wobei ich niemals wusste, ob ich lachen oder kotzen sollte. Die Kammer des Schreckens ist in seinen Räumlichkeiten weit geöffnet. Doch ich liebe ihn, den emotionalen Handicaper. Warum eigentlich. Seine hellblauen Augen sind zwei Eiswürfelchen für meine Libido. Blauäugige Männer sind einfach nicht in der Lage, schmachtend drein zuschauen, während man bei schlammfarbenen Irisbesitzern Gefahr läuft, in ihrem Blick zu versumpfen.
Ich erinnere mich daran, dass ich letztens sturzbetrunken zu einer Freundin gelallt habe, dass ich K., nüchtern betrachtet, noch nie habe leiden können. Was kettet mich bloß an einen Mann, der weder Wertschätzung noch Interesse für mich zeigt und mir Tag für Tag seine Bindungsunwilligkeit nonverbal entgegen scheit. Sollte ich ihn jemals weder sehen, werde ich ihn anblicken wie etwas, das die Katze von weit draußen herein geschleppt hat. Das Telefon läutet. Er ist es.
„Hallo“, sagt er. Wie kommt er dazu, mich so lapidar zu begrüßen, dieser Ich-zentrierte miese kleine Scheisser. Ich tue so, als wäre ich gerade zur Haustüre herein gekommen und hätte beiläufig beim Abstreifen der Schuhe den Hörer abgehoben. Und ich beschließe, dass ich mit seiner Stimme so gerne konfrontiert werde wie mit Haut auf kaltem Kakao Ich hole Luft, um ihn kurz angebunden auf irgendeinen Tag nach der nächsten Sonnenwende zu vertrösten, und wenn ich mir dabei das Gaumenzäpfchen prelle. Was um Himmels Willen will ich bloß von diesem Kerl! Der kann mich doch mal! Aber so was von.
„In Ordnung, natürlich, geht klar, bis gleich im Tricafé“, höre ich mich flöten und rase zum Kleiderschrank, um die obersten vier Reale vor dem Spiegel durchzuprobieren. Aber niemals, niemals wieder werde ich mit ihm schlafen! Ich ziehe die dunkelrote Spitzenunterwäsche an, creme Beine und Bikinizone nach sorgfältigem Rasieren mit Rosenöl ein und stöckele in durchsichtiger Bluse und engem Rock aus der Wohnung.
Entre nous, ich stehe dazu, ich sehne mich nach einem liebevollen Menschen, der es einfach bloß gut mit mir meint und mir allabendlich ein dampfendes Schaumbad einlässt.
Im Sanatorium Lainz sollen sie darin einsame Spitze sein.
Der Lebensabschnittspartner
Es war ein Tag jener Temperatur und Luftfeuchtigkeit und jenem Flirren in der Atmosphäre, die einem das Denken austrieben und einen aufgeschlossen machen für Unvernunft jeglicher Art, kurz, die herkömmlichen klimatischen Bedingungen bei einem kulturintendierten, gut besuchten Event in Wien.
Nach zwanzig Minuten etwas sentimental gesoffen traf ich auf ein Gesicht in der Menge, das wie ein ungemachtes Bett auf mich wirkte, ich wurde von einem Blick getroffen, fraglos von einem Könner abgeschossen.
Er grinste mich an mit der Dreckigkeit der Adria rund um Rimini, ein Stromschlag von einem Blick, der sich mitten in der Beckengegend verfing und dort Funken sprühen ließ. Meine Seele war schweißgebadet. Hallo, schöner fremder Mann. Nun surrten die Schmetterlinge im Bauch, es färbten sich meine Bäckchen rot, das Leben hatte wieder einen Sinn.Ich schwor mir, nicht mit ihm ins Gespräch zu kommen, denn die Ungewissheit ist das verlässlichste Aphrodisiakum und das Kopfkino das wichtigste Surrogat für erlebte Mängel. Wer weiß, wie rasch die Seifenblase zerplatzen würde, sobald er den Mund aufmachte. Gerade nun war er perfekt. Und das ließ ich mir von ihm nicht nehmen.
Ich beobachtete, wie er mit einer ans Erotische schrammenden Hingabe eine Garnele an einem Spießchen in seiner Hand behutsam mit den Lippen umfasste und übersetzte diese Geste zu einer wollüstigen Handlung an meinem Körper, an meiner Seele, als Austragungsort seiner unstillbaren Leidenschaft. Plötzlich ging eine exquisit gekleidete Dame an ihm vorbei, stolperte, und er fasste der miesen Schlampe beiläufig an die Schulter, ihre Blicke trafen sich, kurzes Lächeln, sie ging weiter. In meinem Brustkorb explodierte es, er hatte mich betrogen, dieser begnadete Charmeur, der miese Schweinehund, der er immer schon gewesen war. Gedanklich plante ich als Trost für den nächsten Tag zur innerseelischen Wiederherstellung ein ausgedehntes Schuh- und Handtaschenshopping, einen Solariumgang, eine Frischbluttransfusion, eine Gurkenmaske.
Er drehte seinen Kopf in der Menge… und sah mich wieder an. Ja, wir hatten kürzlich durch seinen Seitensprung eine harte Zeit, eine Durststrecke in der Beziehung, doch ich verzieh ihm, so sehr war ich ihm verfallen. Ich zog die Mundwinkel zu einem angedeuteten Lächeln, wendete mich ab und plauderte mit einer Bekannten neben mir. „Nimm mich, bis nichts mehr von mir übrig bleibt, mein Hunnenfürst“, bedeutete diese meine unmissverständliche Botschaft an ihn, von jedermann leicht zu dekodieren. Er hatte mich verstanden, wie ich aus den Augenwinkeln entdeckte, denn er musste einen Schluck von seinem Martini nehmen, so erhitzt war er. Unsere Blicke trafen sich wieder, diesmal lächelte er nicht. Unsere Partnerschaft hatte ein Vertrauen und eine solche Innigkeit gewonnen, dass ein Lächeln in diesem Stadium der Beziehung nur die Intimität des Augenblicks in die Banalität überführt hätte. Vorübergehend war er vorerst für immer der Mann meines Lebens.
Einige Menschen schoben sich nun in mein Blickfeld, plaudernd, lachend, gestikulierend. Wie seicht muss sich ein Leben anfühlen ohne die Tiefe einer vertrauten, beständigen Verbindung auf Seelenebene zu einem Menschen, so wie sie mir geschenkt war. Ich bemitleidete sie. Als sie vorüber geschlendert waren, um sich weiterhin ihrem sinnentleerten Leben zu widmen, war mein Verlobter fort. Ich reckte den Hals, suchte ihn, einige Schläge lang setze mein Herzschlag aus, dann trat er aus der Schwingtüre zu den Toiletten wieder hervor. Ein gleißender Lichtschimmer umgab ihn, als er dort im Türrahmen stand, die Wiederkunft eines Engels. Als er sich zurück neben das Buffet schob, blickte er zu mir herüber. Flüchtig. Mehr brauchte es auch nicht, denn ich verstand auch so. „Du bist bei mir, wo immer ich auch bin, ich trage dich tief in meinem Herzen“, hörte ich ihn in meinem Herzen flüstern, „nichts und niemand könnte uns jemals trennen, sei unbesorgt, mein Liebling“.
Er begann nun, mit einigen Umstehenden zu plaudern. Mein Geliebter brauchte seinen Freiraum, und dabei stand ich ihm nicht im Weg. Nachdem ich mir einen weiteren Drink von der Bar geholt hatte, beschlich mich plötzlich ein ungutes Gefühl. Es war das Empfinden einer tiefgreifenden Wende im Leben, ein Gefühl, das sich aus dem Brustraum empor schleicht und einem im Hals stecken bleibt. Ich registrierte das Unbehagen, dass mein Geliebter und ich uns im Laufe der gemeinsamen Zeit entfremdet haben. Ich blickte wieder zu ihm hinüber. Er spürte meinen Blick, hob jedoch nicht den Kopf. Was war nur passiert, welche Sorgen schleppte er heimlich und unausgesprochen mit sich herum, was bereitete ihm Kummer? Dass er auch niemals sprach, wenn es um ernste Anliegen ging! Wir hatten doch so vieles bereits schon gemeistert, auch diese Krise würden wir überwinden, ich war mir sicher. Er sah noch immer an mir vorbei, rang mit seinen Gefühlen. Dann, endlich, sah er kurz zu mir, wandte sich aber sofort wieder ab. Mit diesem kurzen Blick wurde ich mit der Wahrheit konfrontiert.
Es war aus. Vorbei. Seine Zuneigung erkaltet, seine Leidenschaft ausgetobt, seine Liebe zu mir mit dem Ablauf der Zeit verloren gegangen. Was hatte ich nur falsch gemacht. Wir beide hatten wohl so manchen Fehler begangen, doch hatten wir uns bisher immer wieder aufs Neue erobert. Nun standen wir vor den Trümmern der Zeitspanne unseres gemeinsamen Lebens. Es galt, reif und gefestigt alles Schöne tief im Herzen eingegraben mitzunehmen und die erlittene Enttäuschung mit der Zeit zu verarbeiten.
Langsam zog ich meinen Mantel an, die Zeit stockte zum Zeitlupenverlauf. Leb wohl, mein Liebster, für immer bleibst du in meinem Herzen. Du warst und bleibst der Eine für mich. Mit einem schmerzlichen Ziehen im Herzen, das mir die Besinnung rauben wollte, musste ich mein Gesicht abwenden. Hielt die Trennung auf Probe jedoch nicht lange aus, warf den Kopf wieder herum, sah zu ihm hinüber. Er schnäuzte sich. Liebling, mir geht es ebenso.
Wir hatten Höhen und Tiefen miteinander erlebt, intensivste Nähe, Seelenverschmelzung, Vertrautheit und Geborgenheit, hatten ein emotionales Zuhause im Herzen des anderen gefunden, gefolgt von Schmerz und Kummer, einem zaghaften erneuten Emporschwingen und wieder Zerrütten von Hoffnung. Nun war es notwendig, eigene Wege einzuschlagen. Ohne einander. Denn in wenigen Minuten fuhr die letzte U-Bahn und die musste ich erwischen.
Ich möchte an dieser Stelle dem mir unbekannten Mann mit dem schwarzen Sakko und der weiß/blau gestreiften Krawatte ausrichten, dass ich ohne sein Wissen eine tiefgehende Beziehung mit ihm geführt habe.
Werte Genossinnen, die Wende ist da!
Ich habe die ganze Nacht Tango getanzt, zumindest, was ich darunter verstehe (mit wem eigentlich? Lieber Himmel, all die Strawberry Daquiris!) und während meiner Ausnüchterung kam mir nun gerade so die spontane Idee, nationale Geschichte zu schreiben und die Frauenbewegung zu revolutionieren. Hiermit rufe ich offiziell die Ära der Zicke aus! Wir werden egomanisch, schick, lasziv und sexy sein. Und tüchtig Migräne haben. Unsere Kühlschränke sind ab jetzt nicht mehr die Futterkrippe für postkoital ausgehungerte Cowboys. Anstatt in Sommerkleidchen und süße Riemchen-sandaletten investieren wir nun in kognitive Verhaltens-therapie. Die neuesten Kollektionen von stylischen Zwangsjäckchen in den Frauenzeitschriften Größe BDDIDK (bist-du-deppert-ist-das-klein) lassen uns kalt, denn wir wollen nicht mehr die Botschaft von Wehrlosigkeit und Gefügigkeit und Bedürftigkeit vor der Männerwelt demonstrieren.
Niemals wieder werden wir in der Früh im Abendkleid von der freien Wildbahn als Männerbeute champagnerbeschwipst in eine fremde Wohnung trippeln (links, rechts, gut so, du schaffst das, links, rechts) und ein großes Zigarettenstinki sein. Ja, wir waren süchtig nach Nähe, Wärme, Geborgenheit, nach der gesamten Endorphinkiste und dem ganzen Mädchenkram. Wir waren des Irrsinns knusprige Beute, das Leben hechelte lockend mit nasser Zunge und pinkelte uns auf den Stöckelschuh. Doch nun bewältigen wir das Trauma, als Kind von der Liebe der Eltern zerdrückt und zerwuzelt zu werden und den sehnlichen Wunsch nach wieda-haben-will. Nun ist Schluss mit nachsichtig sein und unbegrenzt Geduld haben und dem Satz, es war aber trotzdem sehr schön, wirf die Therapeutin aus dem Bett. Schluss mit der Sehnsucht nach dem einzig wahren Richtigen. Wir warten nun nicht mehr auf ein sorgfältig geschältes Frühstücksei im Glas, von einem liebenden, zuvorkommenden, aufmerksamen, fürsorglichen, emotional ausgeglichenen Partner ans Bett gebracht, denn wir halten auch nicht mehr Ausschau nach dem Christkind. Und die Pulsadern kokettieren nicht mehr mit dem Obstmesserchen, denn wir werden nicht mehr versetzt. Wir warten nicht mehr auf den Anruf, den wir niemals erhalten werden. Das Zölibat ist eine schicke Sache. Und das gute Gespräch ist der Geschlechtsakt des 21. Jahrhunderts.
Seht nur, dort drüben auf der Straße geht ER, der ehemalige Mann unserer Träume und auserkorener Vater unserer nie geborenen Kinder. Wisst ihr noch, als wir einst aufwachten, kuschelten wir uns oxytozindurchtränkt in seine Halsbeuge und erträumten uns eine nahe Zukunft, die aus winzigen, in die Höhe gestreckten Fingerchen bestand, einem Nasestupsen am kleinen flaumigen Hinterköpfchen und einer Fencheltee-Idylle zu dritt. Neben IHM geht nun bei Fuß an der Hand eine Billigsdorfer-Tussn. Knicken uns nun vor Herzschmerz die Beine ein, winden wir uns leidend auf dem Asphalt und krümmen uns wimmernd vor Verzweiflung? Nein, nun nicht mehr.
Nein, wir lächeln strahlend, stöckeln dem glücklichen Paar entgegen (korrekt, attraktiver als sie) und begrüßen die Neue. Tätscheln IHN an der Schulter und flunkern strahlend etwas herunter von Café au Laits, frisch aufgebackenen Weckerln und 3-Minuten-Eiern, die er uns jeden Tag ans Bett gebracht hatte, erwähnen beiläufig geschwindelte spontane Geschenke, all den Schmuck, die Designerklamotten, die Überraschungs-Wochenenden in Wellness-Hotels und europäischen Städten. Was wir ihr verschweigen, ist die Betriebsanleitung, kein frisches Vollkornbrot, davon bekommt er leicht Blähungen, Obacht auch beim Weißwein, sein Magen macht nicht mehr alles mit. Im Geiste wünsche wir hernach ein dumpfes Brüten und anregende abendliche Grundsatzdiskussionen: Ich-muss-mit-dir-über-unsere-Beziehung-sprechen. Für-die-andere-hattest-du-also…
Plötzlich ein Anruf von IHM. Er flüstert gequält, doch einst gemeint zu haben, lass uns Freunde bleiben, und röchelt verbittert, eine schöne Freundin bist du.
Nun, wenn es um unsere Schönheit geht, sind wir für alle Komplimente aufgeschlossen.